Baukunst in Baden
  Altenheim Kirche (38)
 


Evangelische Kirche in Altenheim (Neuried, Landkreis Ortenau)   /   Friedrich Weinbrenner   /   1813

Zwischen den Fachwerkhäusern Altenheims wächst eine klassizistische Kirche empor, eine besondere Kirche, gar eine der besten dieser im Sinne Weinbrenners interpretierten Stilart. Der Entwurf stammt von Friedrich Weinbrenner (dem badischen Oberbaudirektor der ersten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts) höchst persönlich [A]; die hohe gestalterische Qualität des Bauwerks legt diesen Schluss ohnehin schon nahe. Vor Ort überführte der ansonsten wenig bekannte Baumeister Ludwig Krämer (aus Malterdingen) die theoretischen Planungen in praktische, bauliche Existenz. Weinbrenners Komposition beeindruckt durch die im Grunde unverblümt zur Schau gestellten Baumassen, die als das formale i-Tüpfelchen in wunderbarstem Kontrast zu den umgebenden feingliedrigen Fachwerkhäusern stehen.
     In der von Weinbrenner ohnehin preferierten unverstellten Körperhaftigkeit, hier von Turm und Kirchenschiff, findet sich bestenfalls ein Minimum an gliedernden Bauteilen. Mit diesem Minimum aber wurde eine optimale Ausstrahlung gewonnen. Insbesondere die beiden Giebelfassaden des Langhauses sind zu nennen, erscheinen in aufregender,  übersteigerter Wirkung, die das Gotteshaus tatsächlich weit größer erscheinen lässt als die vorhandene dreidimensionale Ausdehnung. In dieser Monumentalität erfährt der Kirchenbau letztlich den ihm zukommenden Maßstab.
     Das kraftvolle, wuchtige Auftreten des Gebäus bewegt sich ganz im Sinne der weinbrennerschen Gestaltungsansprüche. Die zur Schau gestellte und Massivität implizierende Baumasse, wie bereits eingeführt auf Gliederung und Fassadenschmuck beinahe völlig verzichtend — sie stand (kleines Gebäude hin — kleines Gebäude her) 1813 noch ganz im Geiste der Revolutionsarchitektur, welche gerade auf den "frühen" Weinbrenner einen bekanntlich nicht geringen Einfluss ausübte. In den Kräfte zehrenden Mühlen des Baualltags, auch den politischen Unsicherheiten jener Jahre, die die Existenz des Großherzogtums in Frage stellten, hatte sich Weinbrenner Stück für Stück von diesem Geiste verabschiedet. Ohnehin stieß er in den ersten (Ober-)Baudirektor-Jahren in Karlsruhe mit jenen "unwirschen" Fassadenbildern allenthalben auf Unverständnis. Obgleich Weinbrenner keineswegs klein bei gab, realistischer, angepasster wurde sein Entwurf trotzdem. Das ging auch hier nicht spurlos vorüber; die konsequent entfaltete Monumentalität fast "nackter" Baukörper spricht aber noch viel von Weinbrenners frühen Entwurfsprinzipien.  
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[A] Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959, Seite 191; auch Wilhelm Frommel soll beim Entwurf involviert gewesen sein - die bedeutende Qualität des Entwurfes verweist aber vor allem auf Friedrich Weinbrenner
 

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ein Bild

Nehmen wir das klassizistische Werk in genaueren Augenschein. Der gewählte Kirchentyp entspricht dem primären Standard im Stile Weinbrenners: das Kirchenschiff länglicher Form besitzt zwei (Dreiecks-)Gíebelseiten, vor deren wichtigere (auf das Ortszentrum bezogene) der steil aufragende Kirchturm Platz findet. Unüblicherweise gelingt ihm nicht die Verschneidung mit dem Langhaus, statt dessen rückt er nur stumpf an dasselbe. Der Turm folgt im Aufbau dem üblichen Muster, indem er aus zwei markanten Abschnitten besteht. Auf den eigentlichen Turmkorpus — glatt und beinahe ohne jede Öffnung — folgt, durch die ausladende und umlaufende Galerie getrennt, die in der Grundfläche kleinere und vom Turmkorpus klar geschiedene Turmspitze mit dem beschließenden und im Kreuz mündenden Zeltdach ("natürlich" mit Knick nahe der Trauflinie). Die durch den Turm stark verdeckte Querseite des Langhauses besitzt überhaupt keine Öffnungen und besteht praktisch nur aus unbehandelter Fläche.
     Der Turmkorpus wirkt in seiner Glattheit ausgesprochen wuchtig und die Turmspitze erzeugt mit ihren ungewöhnlich hohen Schallfenstern einen ganz merkwürdig überspitzten Maßstab. Ohne Vergleichung mit den benachbarten Fachwerkhäusern oder sich an der Kirche aufhaltenden Menschen kann der Kirchturm interessanterweise kaum zutreffend in seiner tatsächlichen Höhenentwicklung eingeschätzt werden.
     Die andere (unverstellte) Giebelseite besitzt genau wie vorbeschriebene keine waagerechte Gliederungselemente, selbst der Horizontalgeison des Dreiecksgiebels wurde bis auf kleinste Fragmente gesprengt (man will kaum noch von einem Dreiecksgiebel sprechen). Man findet wiederum nur maßstabslose leere Flächen, die Höhenwirkung nicht im mindesten bremsend. Einzig der detailreiche, entsprechend dem des Turmes sehr gelungene Eingang aus zwei dorischen Pilastern, die Gebälk und einen Dreiecksgiebel tragen, in Verbindung mit dem in "barocker" Gedrängtheit direkt anschließenden großen Halbkreisfenster geht einen beachtenswerten Kontrast zu der nackten Fläche ein. Jene Kombination und spannungsvolle Wirkung ereignet sich übrigens auch an der nicht allzu fernen und ersten Weinbrenner-Kirche in Herbolzheim-Tutschfelden (gleichfalls Sammlung '1'), welches sich als wenige Jahre älteres Gotteshaus also des "Originals" rühmen darf. Zurück nach Altenheim: einen nochmals reizvollen Akzent setzt der senkrechte Schlitz in der Giebelfläche. Auch diese Ansicht liefert ein vortreffliches Exempel für Weinbrenners Kunst des formalen Minimums — die Wirkung ist ohne weiteres (noch) eine vorzügliche und kann dabei ohne bedeutenden Eintrag nicht auf nur eines der eingesetzten Details verzichten.


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ein Bild

Ein im Vergleich mit den anderen Kirchenbauten des Weinbrennerstiles überdurchschnittliches Maß an Gliederung erfahren hingegen die Seitenfassaden. Überdurchschnittlich bedeutet aber keineswegs einen Sprung über die (freilich subjektive) "Kargheitsgrenze". Zwei Öffnungsreihen sind durch vertikale Vertiefungen zu langen Rundbogennischen vereinigt — die auch für den Sakralbau unter Friedrich Weinbrenner beinahe zwingende Vertikalisierung. Sorgsam profilierte Kämpfergesimse und Bögen treiben ein feines Spiel aus Fläche und Masse, allenthalben das Bild sich aus der Fläche herausschalender Pfeiler zeichnend, welche das Langhaus in einen im Stile Weinbrenners eher selten anzutreffenden Hybrid aus körperhafter und konstruktiver Wirkung verwandeln. Weil aber die Öffnungen weit von den Gebäudeecken abrücken obsiegt für den Gesamteindruck eindeutig die Wirkung als wuchtiger Baukörper.
     Die Hauptrolle spielen freilich die "entrückten" Giebelseiten — in ihrem monumentalen Auftreten beeindrucken sie nachhaltig.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Ausstellung im Schloss Bruchsal, 21.03.-07.09.2003 "Kirchengut in Fürstenhand. 1803: Säkularisation in Baden und Württemberg. Revolution von oben."; hier wurden auch mehrere Weinbrennerstil-Bauten, obgleich nicht unmittelbar zur Thematik sich fügend, präsentiert; Ludwig Krämer als Baumeister genannt. Nochmals: die hohe gestalterische Qualität deutet nach meiner Meinung entschieden auf Weinbrenner; außerdem verweist der Langhaus-Eingang mit dem Halbrundfenster deutlich auf die Tutschfeldener Kirche von Weinbrenner (gleichfalls Sammlung ‘1‘); zudem besitzt seine Pilaster-Dreiecksgiebel-Figur (wie auch die des Einganges durch den Turm) starke Übereinstimmung mit den im gleichen Zeitraum entstandenen Eingängen der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe und ihrer "Nebenbauten" (solche Eingänge stehen ansonsten fast ohne Parallele; siehe Sammlung ‘1‘: "KA Marktplatz").


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