Baukunst in Baden
  Bad Wimpfen Rath. (03)
 



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Rathaus in Bad Wimpfen, (Baden-)Württemberg   /   1836

Bad Wimpfen am Neckar, die alte Stauferstadt muss gerühmt werden als ein Gedicht von einer Stadt. Als ehemalige Kaiserpfalz und freie Reichsstadt weist sie ein vortreffliches Repertoire romanischer und gotischer Baukunst auf, erfreut durch geschlossene Fachwerk-Bebauung und vollendet sich in beachtlichen Befestigungsresten, die der wie überall ausgeuferten Bebauung modernistischer Städtebaukonzepte einen weiterhin klar definierten Altstadtkern entgegensetzen.
     Mitten hinein wurde 1836 ein sich selbst genügender Block gesetzt, der fortan als das neue Rathaus fungierte. Fände man nicht in nächster Nähe die gleichfalls der Kargheit verpflichteten Bauten romanischer Machart entstanden in den gewichtigen Tagen der Pfalz-Herrlichkeit, dieser wuchtige Block könnte nur als frecher Opponent zur feingliedrigen Fachwerkumgebung gelten.
     Das Rathaus ist nur Block und will auch gar nichts anderes sein: ein verputzter, körperhafter Bau, nur aus auf den Eindruck von Massivität und Wucht, und damit gezielt Monumentalität bewirkend — wahrlich, dieses Gebäude beruft sich unverhohlen auf Friedrich Weinbrenner.
     Das Rathaus bietet darüber hinaus das Bild einer disziplinierten Lochfassade, die umlaufend gleichförmig einzig horizontale Fassaden-Gliederung findet. Kaum nimmt man die unterschiedlichen Seitenlängen wahr — je fünf Fensterachsen auf der Eingangs- und Rückseite und je vier in den Seitenfassaden. Auf nicht niedrigem Sockelstreifen stehen drei annähernd gleich hohe, durch Gesimsstreifen getrennte Geschosse, wobei sich das Piano Nobile als das mittlere nur schwach bemerkbar macht, im Grunde nur durch den langen Balkon Akzentuierung erhält, welcher zugleich die Eingansseite markiert. Ein Maschikuli-Gesims beschließt die Fassade und leitet über zum auskragenden, der Reinform (ohne Knick) gewidmeten Walmdach. Neben der Blockform verweist also auch die klare Horizontalisierung der Fassaden auf Weinbrenner.

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Auch die Detailsprache deutet zunächst auf Weinbrenner. Alle drei Geschoss gehen großzügig mit Kämpfergesimsen um, die ihrer Wirkung entsprechend allenthalben profane Mauerabschnitte zu mehr oder weniger wuchtigen Rechtecksäulen veredeln. Auch der Balkon ist eindeutig Weinbrenner: als ausladende Verkröpfung des ersten Gesimsbandes ruht er auf kräftigen Haken-Konsolen. Erst die Öffnungen selbst verraten späteres Erbauungsdatum. In letzter Konsequenz dem Rundbogen verpflichtet und dabei im Erd- und Obergeschoss die aus der Romanik stammende Idee der Öffnung in der Öffnung — hier je zwei Rundbogen-Öffnungen in einer zusammenfassenden Rundbogennische — verweisen bereits auf den von Weinbrenners Nachfolger Heinrich Hübsch mitinitiierten Rundbogenstil (romantischer Stil). Freilich ist diese Formidee noch dem weinbrennerischem Grundprinzip körperhafter Gestaltung untergeordnet, bildet keinen ernstzunehmenden Gegenspieler aus. Auch das schmückende Maschikuli-Gesims geht auf Weinbrenner zurück, wenngleich es erst unter Heinrich Hübsch zu regelmäßiger Anwendung Gelegenheit fand. Das Werk durchweht harmonisch der Geist Weinbrenners.
     Bad Wimpfen gehört heute zu Baden-Württemberg (innerhalb württembergischer Grenzen), war davor aber circa 150 Jahre hessische Enklave, nachdem es als mediatisierte freie Reichsstadt zunächst und nur für sehr kurze Zeit an das Großherzogtum Baden fiel. An der Grenze Badens gelegen und als hessische Enklave in architektonischen Belangen dem Weinbrenner-Schüler Georg Moller unterstellt, konnte das Rathaus, als ein bewusstes Zeichen einer neuen Zeit nach Ende des privilegierten Status` als freie Reichsstadt, kaum anders denn im Stile Weinbrenners zur Ausführung gelangen.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Website
www.badwimpfen.de; Entstehungszeit 1836, Baumeister nicht genannt

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