Baukunst in Baden
  Baden-Baden '2'
 

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Etliche Meter höher situiert, aber immer noch Teil der vorzüglichen, gleichfalls im frühen 19. Jahrhundert angelegten Parkanlage, das dritte architektonische Glanzstück der baden-badischen "Renaissance": die Stourdza-Kapelle. Kein geringerer als der bayrische Hofbaumeister Leo von Klenze, neben Preußens Karl Friedrich Schinkel und Badens Weinbrenner der große Baumeister des deutschen Klassizismus, lieferte einen hervorragenden Entwurf im Auftrage des rumänischen Fürsten Stourdza. Das edle und kompakte Gebäu gefällt zumeist durch seinen Säulenportikus. 1864-66 ausgeführt ein regelrechter Nachzügler des Klassizismus, ein darüber umso reiferes Werk, gar das letzte überhaupt des alsbald sterbenden von Klenze! Baden-Baden ward darüber die einzige Stadt Deutschlands, welche Bauwerke von zweien der drei großen Klassizisten Deutschlands auf sich vereinigen konnte.
     Diese sechs Bauwerke sind die schönsten, die Vorzeigebauten der Stadt. Was aber die Stildurchmischung anbelangt so hat der Historismus, ja selbst der (nur in Baden-Baden) unscheinbare Barock gewichtige Worte mitzureden. Den Gebäuden der Gründerzeit, also ab 1860/70, nämlich ist das Gros des historischen Baden-Baden vorbehalten. Die Schwächen dieses zusammen mit dem Jugendstil letzten Flackerns der Baukunst wurden oben schon entbreitet. Sei zur Anerkennung denn doch vermerkt, dass die Bauwerke ja nicht umsonst die originalen Stile von Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus kopierten. Wenn auch alles Neuschöpferische abgeht, die Zusammenstellung der Fassaden immer ohne den entscheidenden originären Geist vollzogen werden musste, so findet man an den getreulich nachgezeichneten Schmuckelementen dennoch seine Freude. Und was im Falle des Stadtzentrums zu einem echten Vorzuge gereicht, leistet der reizvoll geschwungene Stadtgrundriss des Mittelalters, der nämlich im 18./19. Jahrhundert (notgedrungen) respektiert ward.
     Darüber entstanden nämlich malerische Züge, ja auch eine den Prospekten wohltuende Dichte — Ansichten ferne von Rigidität und Einfallslosigkeit. Weil hier und da auch Gebäulichkeiten des frühen 19. Jahrhunderts überdauerten, welche mit niedrigerer Etagenzahl, ergibt sich stellenweise ein sehr lebendiges und freundliches Aussehen der Straßenzüge. Am Ende findet man sich beinahe versöhnt mit dem Historismus! Während der Stil der Gründerzeit auf den strengen barocken Straßenrastern Mannheims und Karlsruhe weit mehr Fragwürdigkeit aufwarf (wovon heute freilich fast alles zerstört), verdankt er in Baden-Baden dem Grundriss aus den alten Residenztagen nicht geringe Gunst. Das dabei ansehnlichste Einzelbauwerk zeigt das imposante Friedrichsbad, ab 1869 nahe der Stiftskirche ausgeführt: ein langgestreckter schmuckbeladener Bau mit monumentalem Mittelrisalit.
     Sehr reizvoll geht ein "Riss" durch das nach der Zerstörung 1689 wiedererrichtete Baden-Baden. Je näher man nämlich der Stiftskirche und dem Neuen Schloss kommt, desto älter werden die Gebäude, reichen endlich bis in die Tage des ersten Wiederaufbaus zurück! Hier kommen die Häuser deutlich kleiner und niedriger und mit gänzlich unprätentiösen Fassaden. Kaum will man glauben, dass man sich durch barocke Quartiere bewegt. Der Baustil des Barock, bekannt vor allem für seine üppigen und schmuckprunkenden Arrangements, man wüsste sich ihn nicht ärmer zu denken als an den Stadthäusern Baden-Badens. Alle Not und Armut nach der Zerstörung tauchen hier nochmals auf — welch’ wertvolles Zeugnis also!

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Was in dieser höher gelegenen Partie der Altstadt zumeist ergreift, ist der kleine Gebäudemaßstab, die schnelle Abfolge der Häuser, auch die malerische Winkeligkeit der Wege und Gassen, welche von steiler Topographie umso romantischer aufgestellt. Wie denn auch hier manch kunstvolle Zutat wie Pilasterausbildungen im späteren Verlauf des prosperierenden 18. Jahrhunderts kaum zu "verhindern". Am schönsten die ehemaligen KANONIKERWOHNUNGEN und die PROBSTEI (bei der Stiftskirche) mit ihren monumentalen Pilasterfassaden.
     Wiederum sehr bescheiden aber die großen Ordensbauten der Jesuiten und des Nonnenklosters mit dem klangvollen Namen "ZUM HEILIGEN GRAB". Nüchterne, fast kasernenartige Bauten, jedoch mit schönen barocken Fensterrahmungen, wie auch mit sonstiger notwendiger Belebung durch Gliederungselemente. Während das 19. Jahrhundert das Gotteshaus des Kloster "Zum Heiligen Grab", welches 1687-89 erbaut, die unmittelbar bevorstehende Katastrophe aber glücklich überwindend, durch historistische Maßnahmen spürbar "verunschönerte", trug es dasselbe der Jesuiten gleich ganz ab! Letzteres der noch größere Verlust, weil es nämlich das einzige wirklich schmuckvolle Barockwerk der Stadt.
     Das JESUITENKOLLEG ward in diesem Zuge von Friedrich Weinbrenner zu einem ersten Kurhause umgebaut, später aber durch einen gewaltigen historistischen Anbau zum Rathause erhoben. Ein merkwürdiges Konglomerat, dessen ansehnliche Partien, obgleich bescheiden genug, den barocken und klassizistischen Partien geschuldet. Das Gebäu ist denn über drei Baustile hinaus lustigerweise auch mit dem Autoren verkettet, welcher nämlich in dessen Räumlichkeit seinerzeit sein Diplomthema brühwarm vorgesetzt bekam (dem Wirrwarr des Komplexes geschuldet, obendrein zu spät eintraf!). Ein gehöriger Erfolg, gipfelnd in der Ausstellung jener Arbeit, lässt den Autoren umso milder auf das historische Gebäulichkeitenkonglomerat zurückblicken (außerdem sei auf den Artikel unter "Im Stile Weinbrenners", Sammlung 2, verwiesen).
     Um die "reizvolle Stildurchmischung" zu komplettieren — und noch vor Beschreibung der die Stadt letztendlich erst zur "Kronprinzessin" kürenden Landschaft — die weiteren Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Aus der mittelalterlichen Blüte findet man noch einen vierten bemerkenswerten Überrest: die gotische SPITALKIRCHE im sogenannten Bäderviertel. 1467-78 ward sie mit eingezogenem Chor und außerhalb der Stadtmauern errichtet. Auch der bekannte und schätzenswerte Merian-Stich, der die Blütezeit vor 1689 wenn auch nicht in letzter Genauigkeit wiedergibt, von einem trefflichen Standpunkt dem Schlossberg gegenüber gezeichnet, weiß um dieses Gotteshaus. Mit anderen Spitalsgebäuden (alle abgegangen) fand es sich seinerseits säuberlich ummauert. Die gediegene landgotische Schönheit gefällt vor allem durch ihre Vorderseite mit fein gearbeitetem Maßwerkfenster und Portal; und darüber ein barocker Dachreiter (Merian sah noch den gotischen Dachreiter, der außerdem näher zur Rückseite).
     Selten genug findet man ansonsten steinerne Öffnungsrahmungen aus Spätgotik und Renaissance an den Stadthäusern, die als 1689 feuerbeständige Bauteile den Neubauten eingefügt.

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Auch der Klassizismus hatte zu leiden. Die Antiquitätenhalle (1804) und die Trinkhalle (1822-24), beide von Weinbrenner, wurden durch Dampfbad und Friedrichsbad ersetzt. Und der Badische Hof, der Umbau eines Kapuzinerklosters zum ersten Luxushotel Europas(!), gleichfalls von Weinbrenner, ward hernach beinahe zur Unkenntlichkeit verstümmelt (umgebaut). Mit der VILLA HAMILTON aber, dem ehemaligen Großherzoglichen Palais, erhielt sich neben dem Kurhaus ein zweites Vorzeigewerk badischen Klassizismus’. Erbaut 1809, gefällt dieser gedrungene Stadtpalast zumeist durch den monumentalen Mittelrisalit der Vorderseite, bestückt mit vier dorischen Säulen und Dreiecksgiebel. Auf dem Wege zum Kurhaus eine umso gefälligere Vorbereitung, weil der Villa direkt gegenüber ein zweites ansehnliches PALAIS im Weinbrenner-Stil erhalten. Zahlreiche Pilaster und ein Eckbalkon bereichern dessen Fassaden. Sei für beide auf die Artikel "Im Stile Weinbrenners" gedeutet (Villa Hamilton: "Sammlung 1", Stadtpalais: "Sammlung 2"). Gleich einem klassizistischen Tor weisen die beiden Werke an der Sophienstraße auf das nicht ferne Kurhaus. Zahlreiche weitere klassizistische Gebäude, zumeist deutlich bescheidener, ergänzen, lassen aber das gewiss extraordinäre Stadtbild der Blüte der 1830er bestenfalls noch unter lebhafter Phantasie nachvollziehen.
     Endlich erwähnt man das DAMPFBAD, neben der Trinkhalle ein zweites profanes Hauptwerk des Romantizismus. Auch hier Heinrich Hübsch der Baumeister. Zwischen Stiftskirche und Neuem Schloss kam es ab 1846 zum Stehen. Ein kompaktes dreistöckiges Gebäu geschmackvoller Materialwahl (typisch für Hübsch), mit schöner Eingangspartie und weit auskragendem Dachrand.
     Bei seinem Bau wurden interessante römische Überreste gefunden (Kaiser- und Soldatenbäder). Überdies lassen sich beim Friedrichbad ausgestellte antike Trümmer bestaunen. Mag man auch diese Fragmente, welche ja nicht weniger als den Beginn der so erstaunlichen Karriere Baden-Badens markieren, unter die "reizvolle Stilvermischung" der Stadt zählen.
     Eine schöne, lebendige Stadt — welch’ Wert! Und dennoch, das alleine hätte nimmer gereicht um Baden-Baden solchen Ruf, ja Ruhm zu erwerben! Es ward die Landschaft, die als kongenialer Partner "hinzutrat" und die urbane Anmut durch die Anmut der Natur erst zu vollenden wusste. So seit der neuerlichen Blüte ab 1800: das klassizistische Stadtbild war zugleich ein modernes und zeitgemäßes, die Quellen — leicht zugänglich — lockten, und der mehr und mehr romantische Zeitgeist verlangte nach der Künstlichkeit des Barock eine "natürliche" Natur, eine charaktervolle Landschaft, der es auch an Härten und Rauheiten nicht gebrechen sollte. Und alles das — und welch’ anderer Ort konnte mit diesen drei gewichtigen Vorzügen glänzen — fand man im Nordschwarzwald, im Oostal, in Baden-Baden. Die Quellen und Bäder taten ihr übriges, was aber den ganz besonderen Reiz Baden-Badens ausmachte, ward in der Verbindung einer schön gebauten Stadt mit einer herben Landschaft gefunden. Das galt dem gesamten 19. Jahrhundert, und das gilt weiterhin im frühen 21. Jahrhundert.
     Wohl hat die erbauliche Verbindung Stadt-Landschaft gelitten. Wir sprachen davon: nach Osten und Westen ist die Verbindung durch den Bandstadtcharakter vollends aufgehoben. Nach Norden und Süden aber, wenngleich auch hier nicht ohne Eintrag, trifft die historische Stadt noch über einige Strecken unmittelbar auf einfassende Landschaft. Jene aber, als eine gebirgige, steigt sogleich reizvoll steil an.

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Nach Norden nimmt sie durch den Schlossberg ja auch die Stadt mit, steigt dann weiter zur Ruine Hohenbaden und klingt endlich in den bizarr geformten BATTERTFELSEN aus. Das östlich benachbarte Massiv des MERKUR, als "Stadtberg" obendrein mit Aussichtsturm versehen, sucht noch größere Höhen (670 Meter). Nach Süden entfaltet sich der breite FREMERSBERG (525 Meter), weitere ähnliche Höhen schließen sich taleinwärts an. Blickt man nun vom Neuen oder gar vom Alten Schloss, so türmt sich der Nordschwarzwald nach Westen zu immer bedeutenderen Gipfeln: nur wenige Kilometer entfernt, wird, aus Richtung Norden denkend, durch die BADENER HÖHE erstmals die 1000-Meter-Marke passiert; vier weitere "Tausender" schließen unmittelbar an, bereiten, sich gegenseitig steigernd, den Weg zur HORNISGRINDE, welche mit 1164 Metern die höchste Erhebung des Nordschwarzwalds. Im übrigen: von Baden-Baden nimmt folgerichtig die Schwarzwald-Hochstraße ihren Anfang, welche, all diese Gipfel passierend, bei beständigem Blick in die tief zu Füßen liegende Rheinebene, ein Erlebnis ersten Ranges. Blickt man dann von seinem vorzüglichen Aussichtspunkt, welcher nur noch übertroffen vom Beobachtungspunkt des Merkurer Turmes, in Richtung Westen, so gewahrt man das von Bergen umstellte Baden-Baden überraschend nahe zur Rheinebene: man sieht über die Stadt hinweg in die Weite des Rheintales. Wie das abwägende Auge freilich auch an der Einbettung des historischen Baden-Baden nicht wenig Freude gewinnt.
     Seit der Renaissance der Stadt trachtete man überdies nach Übergängen zu der herben Landschaft, nach einer durchaus weichen Vermittlung. Und so ward im frühen 19. Jahrhundert der noch heute ergreifende KURPARK, dessen Wurzeln ja im 18. Jahrhundert liegen, deutlich erweitert und im Stile eines Englischen Landschaftsgarten ausgeführt. Die langgestreckte Flur reizt im Süden, von der Altstadt nur durch die Oos getrennt. Und wie die Stadt zuerst in der Ebene beginnt um alsbald geländebedingt anzusteigen, so auch, "spiegelverkehrt", der Kurpark.
     Auch das BÄDERVIERTEL im Osten zeigt bei deutlich kleinerer Ausdehnung die Anmut eines Landschaftsgartens; und wie effektvoll krönen hier Stiftskirche und Neues Schloss! Endlich legte man auch die Partie oberhalb des Neuen Schlosses in die Gestalt einer Parkanlage. Auch sie, obgleich am anstrengendsten zu gewinnen, entbreitet unbedingt lohnenswerte Reize, worunter auch die glänzende, oben beschriebene Aussicht.
     Man ruht hier obendrein zwischen den beiden Schlössern. Über einem das Alte Schloss, die Burgruine Hohenbaden, welche ab dem frühen 12. Jahrhundert erbaut, die Stammburg der badischen Markgrafen. Schrittweise entstand daraus eine glänzende und große Residenzburg. Heutigentags, das Gebäu ward Ende des 16. Jahrhunderts ruiniert, eine der größten, schönsten und monumentalsten Ruinen Badens. Den "Wanderungen" gilt sie als eigener Beitrag, welcher in "Band 1" zu finden.
     Und unter einem also das NEUE SCHLOSS. Auch dieses mit Ruhm genug, zu rechnen nämlich unter die eigentümlichsten Anlagen ganz Badens! Munter schwankt das Gebäu zwischen burgartiger Abgeschlossenheit, welche noch auf die wehrhafte Entstehung im 14. Jahrhundert deutet — und feinsinniger Renaissance, in welchem Stile sie im 16. und 17. Jahrhundert ihr Glanzzeit feierte — und endlich dem Barock, der als Wiederaufbaumaßnahme nach der Zerstörung 1689 die weitergehende Nutzung sichern sollte, hier und da auch gefällt, jedoch keineswegs an die tatsächlichen Möglichkeiten dieses Stils heranreicht. Die unregelmäßig viereckige Anlage diente an 1469, nach Verlegung durch den Markgrafen Christoph I., als Residenzschloss ganz Badens, dann seit der badischen Teilung 1535 als Domizil der baden-badischen Markgrafschaft. Aus diesem begünstigenden Status fiel sie dann 1706, als der "Türkenlouis" nach Rastatt gezogen.

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Vier zum Teil sehr heterogene Flügel umschließen einen großen Hof, der durch den niedrigsten der vier, den eingeschossigen Remisenbau, abgetrennt, zur Stadt hinunterblickt. Die Größe des Hofes indessen wird durch das Kavaliershaus, ein barocker Wohnbau der Jahre 1707-09, deutlich geschmälert.
     Insbesondere nach Norden, wo auch der sogenannte Archivturm, hinterlässt das Gebäu noch einen mittelalterlich-trutzigen Eindruck. Wuchtig auch der wichtigste Bau: das dreigeschossige, lange Hauptschloss auf der Ostseite. Gegenüber seiner spätmittelalterlichen Blütezeit hat es vor allem einen zentralen Turmaufsatz verloren, auch musste es mehrere spätgotische, renaissancistische Fensterrahmungen gegen einfache barocke vertauschen, endlich das hohe Walmdach gegen ein barockes Mansarddach. Alles andere, worunter auch der kompakte Eindruck, stammt noch aus wirklich alten Tagen. Der Schlossbrand höhlte beim Hauptschloss wie den anderen Bauten vor allem die "Innereien" aus, während die dicken Außenmauern zumeist trotzten.
     Ein aufrüttelndes Zeugnis von Pater Hippolyt, dem Hausgeistlichen der  Markgräfin Franziska Maria (Witwe des badischen Markgrafen Wilhelm Leopold I.), berichtet über die widerlichen Vorgänge bei der Zerstörung von Stadt und Schloss. Während die Bevölkerung buchstäblich nicht wusste wohin, sich irgendwie im Schwarzwald zerstreute und ums nackte Überleben kämpfte, fanden sich vor der Niederbrennung französische Soldaten und nicht näher bestimmtes Gesindel in der Stadt ein, um die zurückgelassenen Gegenstände auszuplündern; da ward denn selbst vor dem herrschaftlichen Schloss nicht halt gemacht. Markgräfin Franziska Maria indessen suchte energisch und unter Einsatz ihres Lebens zumindest die Zerstörung durch nichts als beharrlichen Aufenthalt zu verhindern. Vergebens! Erst wurden die Stadtmauern niedergerissen, dann am 24. August 1689 systematisch Brand entfacht. Zwei Tage später lag die prächtige Residenz in Trümmern und Asche.
     Sehr schön anzusehen die alte Residenz auf dem mehrfach schon erwähnten Kupferstich aus Merians "Topographia Sueviae". Und auf diesem erkennt man denn auch leicht, wem das Schloss als Vorbild nacheiferte: dem schon seinerzeit weit berühmteren Heidelberger Schloss. Auch hier ward eine mittelalterliche Burg mit Hilfe der Renaissance veredelt; eine Veredlung freilich auch zu Lasten der Wehrhaftigkeit. Und auch hier eine frappant an Heidelberg erinnernde Gartenplattform, im direkten Anschluss an das Hauptschloss. Mächtige Stützmauern rungen diese der abfallenden Topographie ab. 1670 kam noch eine Terrasse vor die Stadt-, die Südseite. Beide Partien sind heute hinter dichter Vegetation versteckt, aber gleichfalls noch erhalten.
     Die einzige noch unbeschriebene Seite des Schlossgevierts, die westliche, hält via gotischem Spitzbogen in einem eigenen kleinen Torgebäude den — seit wenigen Jahren leider verschlossenen — Eintritt auf den Schlosshof bereit. Bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts befand sich das "Neue Schloss" noch in markgräflichen Händen, dann ward an private Hände verkauft, die Schlosstüre verschlossen.
Auch konnte man dem Gebäu in den letzten Jahrzehnten nicht die Pflege angedeihen lassen wie sie die anderen bedeutenden Residenzschlösser Nord- und Mittelbadens erfuhren: Mannheim, Bruchsal, Karlsruhe und Rastatt. Und so steht man hier nicht vor glänzenden, wie "glattgeleckten" Fassaden, sondern vielmehr vor ockerbraunen, alten Fassaden, die Züge eines beginnenden Verfalls nicht leugnen — damit aber vor einem überaus romantischen Gebilde, dem obendrein ein mächtiger Efeubewuchs entschieden malerische Züge einhaucht.

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Alle schönen Details indes stammen noch aus Renaissance-Tagen. Eine wunderbare zweistöckige Säulenarkade, gleichsam Inkunabel der Renaissance, ziert die Innenseite des rechtwinklig an das Hauptschloss stoßenden Küchenbaus. Das Hauptschloss gefällt zumeist durch sein prächtiges Portal aus 1575, einen oktogonalen Treppenturm und Zwerchgiebel in Verlängerung des Portals und noch schöner auf der Querseite zur Stadt hin. Der Barock hingegen kommt als fast blanke Wiederherstellungsmaßnahme unprätentiös daher, am auffälligsten noch via Zwiebeldächer für genannten Treppenturm und einen zweiten Turm auf der Westseite. Selbst der einstöckige Kavaliersbau im Norden des Schlosshofes weiß nur um gelinde Pracht.
     Zur Stadt hin präsentiert sich das Schloss vor allem durch die Querseite des Hauptschlosses, welches über der 1670 angelegten Aussichtsterrasse gar monumental thront. Der lange Remisenbau hingegen versteckt sich hinter dichtem Bewuchs. Im Westen aber macht nochmals der schlanke Turm mit Zwiebeldach auf sich aufmerksam.
     Von hier oben, namentlich von einer kleinen Aussichtsplattform, welche westlich an das Schloss gebaut, gewahrt man neben den spannungsvollen Prospekten auf die Stadt — den Kurpark und seinen Bauwerken im Süden und dessen Verbindung mit der Landschaft — das gewaltige Volumen der Stiftskirche. Direkt unter dem Schloss strebt das vor allem gotische Gebäu monumental aus dem Stadtkörper. Die Niederbrennung auf Befehl des ja katholischen "Sonnenkönigs" sollte nicht einmal das ja gleichfalls katholische Gotteshaus schonen. Zuerst ward auch hier geschändet, dann entzündet. Das weithin sichtbare Zeichen dieser Untat gewahrt man in der barocken Turmspitze, welche 1712/13 durch Hofbaumeister Michael Ludwig Rohrer neu aufgesetzt. Obgleich auch das Oktogon mit "Welscher Haube" und doppelter Laterne zwar formenreich aber keineswegs üppig-barock, bedeutet es dennoch das schönste "Barockstück" der Stadt (unter den Außenarchitekturen).
     Während das dreischiffige Langhaus (Hallenkirche) mit großem Stiftschor einheitlich dem spätgotischen Stil zuneigt, wobei das Langhaus über romanischem Vorgänger 1474 und der Chor schon 1454 fertiggestellt, zeigt der aus der Vorderseite monumental aufstrebende, wuchtige Campanile den schönsten Stilmix. Der untere Abschnitt, der gerade noch über die Dächer des seitlich umgreifenden Langhauses hinausreicht, stammt noch aus romanischer Zeit. Lisenen und Rundbogenfriese markieren drei Abschnitte des quadratischen Turmes stilgerecht im Sinne der Romanik. Darüber dann, alsbald kunstvoll in ein Oktogon  übergehend, Gotik. Wie jene dem Langhaus die signifikanten Strebepfeiler und hohe spitzbogige Maßwerkfenster eintrug, so dem Campanile in gleicher stiltypischer Manier außerdem das Hauptportal mit Heiligenstatuen. Endlich folgt als dritte Stilkomponente die schon eingeführte Turmspitze in Barockkunst. Ihr Verputz kontrastiert trefflich zum roten Sandstein, der für Gotik und Romanik gewählt. Drei verschiedene Baustile also, deren inneres Band — das Streben nach Schönheit — typischerweise Harmonie erwirkt, allen im Detail divergierenden Schwerpunkten der Gestaltung zum Trotz.

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Der große, durch zwei Pfeilerreihen dreigeteilte Innenraum, versehen mit Kapellen, im 19. Jahrhundert — nach der Barockisierung im Zuge des Wiederaufbaus — wieder regotisiert, erzählt von Herbheit und Kunstsinn des Mittelalters; der Stiftschor vor allem hält außerdem, als ehemalige Grablege, die Epitaphen der baden-badischen Markgrafen bereit. Am auffälligsten hierunter der barocke des "Türkenlouis". Einem der größten badischen Helden gebührte wohl solche Extravaganz.
     Mag man von der Stiftskirche nochmals den Weg durch die Innenstadt antreten, um auch die herausragenden Bauten im Kurpark genauer abzuwägen. Für das Kurhaus Weinbrenners, das ungemein langgezogene und durch Massenstaffelung trefflich, dabei durchaus schlossartig gegliederte Vorzeigewerk hiesigen Klassizismus’ sei auf den Artikel unter "Im Stile Weinbrenners, Sammlung 1" verwiesen. Direkt benachbart, wie das Kurhaus mit ihrer langen Schauseite zur Stadt lugend, die 1842 ausgeführte Trinkhalle von Heinrich Hübsch. Man erachtet sie dergestalt wert, dass sie das auf die Schönheit der Stadt verweisende Autobahnschild ganz ausfüllen darf. Und freilich nicht ohne Grund, denn in der Tat erhebt sich die lange Säulenhalle sehr schön über ihrem Postament. Angenehm lässt es sich besonders Sommers durch die schattige Halle wandeln und das noch immer angebotene Heilwasser verköstigen. Das Bauwerk, welches man unter die fünf gelungensten Werke des talentierten Hübsch rechnen darf, zeichnet sich auch durch eine fein abgestimmte und freundlich helle Materialwahl aus. Feine Ornamentik, im Romantizismus nach dem gestrengen Klassizismus wieder voll aufblühend, ziert die Wände. Am schönsten freilich die lange Säulenreihe und das sich lustig von Kapitell zu Kapitell wellende Gebälk.
     Von einer feinen Materialwahl und zarter Ornamentik profitiert auch die rumänisch-orthodoxe Stourdza-Kapelle, um viele Meter erhoben, aber nicht ferne der Trinkhalle. Dem kompakten Viereck des Kirchenraumes, dessen Fassaden durch drei verschiedenfarbige, sich wiederholende Sandsteinstreifen edel horizontal gegliedert, stellte von Klenze einen monumentalen Säulenportikus vor die Front. Alle Kraft des Klassizismus kam hier 1864-66 sehr spät nochmals zu Ehren. Vier ionische Säulen, über wiederum hohem Postament, wuchten einen schweren Dreiecksgiebel. Dahinter der "Kirchenkasten", dessen Dach sich spannungsvoll zu einer oktogonalen, durchaus großen und obendrein säulenbestückten Laterne erhebt. Kraft und Anmut zugleich, die eigentliche Stärke und Natur des Klassizismus, werden in überaus reifer Manier überreicht. Auch der Innenraum ergreift: Ruhe und wenig Licht — orthodoxer christlicher Geist. Von hier oben außerdem das umgekehrte Aussichtsspiel, nun mit Stiftskirche und den Schlössern als Protagonisten der reizvoll einfassenden Landschaft. Und so wird man in Baden-Baden, das seinen lustigen Doppelnamen im übrigen erst seit 1931 führt, bis dato einfach Baden sich rief, gerne hin und her geworfen zwischen den Schönheiten aus Bau- und Naturwerk, gerne erst hierhin, dann dorthin gezerrt! Aber die alte Residenz, das badische Dornröschen, die wunderliche Wiedergeburt ist ja nicht umsonst die Kronprinzessin Badens.
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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Jahreszahlen; Stadt und Landschaft
2) Kupferstich und Stadtbeschreibung Matthäus Merians aus "Topographia Sueviae"
3) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
4) Homepage  www.baden-baden.de
5) Arthur Valdenaire "Friedrich Weinbrenner: Sein Leben und seine Bauten", C. F. Müller Verlag, 4. Auflage  Heidelberg 1985 (Braun Verlag, Karlsruhe 1926)
6) Informationstafeln vor Ort

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