Baukunst in Baden
  Breisach
 

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Zumeist ließ ich es mir angelegen sein, von einem aufzusuchenden Orte vorab so wenig Informationen über besichtigenswerte Gebäude wie über die Historie als möglich zuzulassen. Es war mir stets das liebste frisch über Straßen und Plätze zu laufen, getrieben alleine von der Kraft wissenschaftlicher Neugierde unversehens auf kunstvolle Bauwerke zu treffen, und erst ab diesem Momente, unvoreingenommenen Auges, einen Begriff der Gebäude und endlich des Ortes insgesamt zu erlangen. Ein Vorgehen, dass mich nirgendwo gereute und mir unzählige Male köstlichste Erbauung.
     So auch im Falle Breisachs. Einen alten Kupferstich hatte ich gesichtet, was leicht ausreichte um die große Bedeutung und Schönheit dieser Stadt zu gewahren: eine Stadt auf einem riesigen Felsen direkt am Rhein, eine gewaltige Festung, bekrönt von großem Schlosse auf der einen Seite und einem veritablen Münster auf der anderen.
     Es war im Sommer 2003, jenem unbarmherzigsten aller Sommer, der die Rheinebene in den festen Griff eines Schwitzkastens nahm, auf Monate. Ein guter Freund begleitete mich, auch er neugierig auf die Stadt. So erklommen wir den Stadtberg — vorher schon stutzend über die zu Füssen liegende Vorstadt, bar jeglicher Baukunst — hier oben aber, nachdem wir die Straßen und Gassen minutiös abgelaufen hatten, verschlug es uns förmlich die Sprache; gewiss, auch der drückenden Mittagshitze wegen, mehr aber noch ob dessen was unseren Augen zu sehen aufgetragen. Ein Schock — kein kleiner — man findet hier oben wohl reichlich Gebaue, das alte Breisach aber, jener wunderbare Stadtprospekt, er wurde beinahe restlos hinweggefegt — das Bild das vor Augen, es ist ein radikal verschiedenes, das seine Schönheit eintauschen musste gegen ein Fast-Nichts.
     Sicher würde es keinerlei Sinn machen, die Stadt unter dem damaligen Eindrucke zu beschreiben, völlig übermannt von der Kraft der Zerstörung. Jene bittere Erfahrung musste sich erst setzen — außerdem war nunmehr die Historie der Stadt ganz unbedingt ins Felde zu führen. Soll sie den Anfang der Beschreibung Breisachs bereiten; sie wird uns einen Ort vor Augen führen, von einer Bedeutung, wie sie in Baden allenfalls noch Heidelberg zu beanspruchen vermag.
     Glaube man es oder nicht, aber Breisach war tatsächlich ein Juwel in der Krone gleich zweier Weltmächte. Wir schreiben das 17. und 18. Jahrhundert: Breisach, bereits seit dem 10. Jahrhundert einer der bedeutendsten Orte am Oberrhein, war nunmehr durch die französische Expansion zu einem Grenzort geworden. Die Felsenstadt, von enormer strategischer Bedeutung seit der Römerzeit, die hier schon ein wichtiges Kastell unterhielten, war über die Jahrhunderte beeindruckend befestigt worden — nunmehr aber hatte man aus ihr eine der gewaltigsten Festungen Europas geschaffen. Diese galt vor allem als Werk Habsburg-Österreichs, welches nämlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Besitz der Stadt. Breisach machte damals den vorgeschobenen Posten der bedeutenden habsburgischen Besitzung am Oberrhein, bezeichnet mit dem malerischen Namen Vorderösterreich. 

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Bald schon aber sollte die mächtige Festung auf eine harte Bewährungsprobe gestellt werden. Der 30jährige Krieg gelangte 20 Jahre nach Ausbruch auch vor die Tore Breisachs. Herzog Bernhard von Weimar, Heerführer der protestantischen Streitkräfte rückte an. Doch die gewaltige Festung konnte seiner zunächst spotten, denn durch einen ordinären Angriff lies sich das Bollwerk kaum erstürmen. Das sah durchaus auch der Herzog (der im übrigen für zahlreiche Gräueltaten im Raume Badens die Verantwortung zeichnet, z. B. für die Zerstörung von Kenzingen und Ettenheim), welcher also zu anderen Mitteln greifen musste.
     Der Herzog also schnitt die Versorgungslinien der Stadt ab und hungerte sie so über viele Monate konsequent aus. Geschichten jener Tage führen die Not der Eingeschlossenen auf's bitterlichste vor Augen — es sind Erzählungen, wie sie im Zusammenhang solcher Be-lagerungen über Jahrtausende zu hören, und so will man ihnen einen gewissen Wahrheits-gehalt ohne weiteres zurechnen: gegen Ende der Belagerung waren innerhalb der Stadtmauern keinerlei Tiere mehr zu finden (auch keine Pferde, Hunde oder Katzen), und das nicht etwa, weil dieselben verhungerten; Leichenbestatter wurden um frisch Verstorbene angebettelt - und wurden diese Bitten auch ausgeschlagen, so bot das Dunkel der Nacht dennoch Gelegenheit die Gräber wieder aufzuscharren; schließlich kam es gar zur schlimmsten Form des Kannibalismus, wie das allmähliche Verschwinden einer Anzahl von Kindern denn doch nahe legt.
     Hinter den unüberwindlichen Mauern starb nach und nach alles dahin, und so gab man sich endlich (nach vier Monaten), die Stadttore öffnend, dem Feind freiwillig in die Hände. Dieser mochte im Gefühle des Triumphes wohl größte Freude empfinden, konnte sich daran allerdings kaum weiden, denn es verging kaum ein Jahr, da war der Herzog selbst auch dahin.
     Nun kam die kurzzeitig sachsen-weimarische Amtsstadt (welch` merkwürdig Intermezzo!) in die Hände des Bündnispartners Frankreich. Ohne auch nur einen Handstreich getan zu haben fiel die wichtige Festung nunmehr also dem französischen König zu. Immerhin zeigte sich die gallische Krone keineswegs undankbar, im Gegenteil sie spendete reichliche Wohltat, worunter sie lustigerweise vor allem eine nochmalige Aufrüstung des ohnehin ja schon mauernstrotzenden verstand. Der Sonnenkönig lies keinen geringeren als Vauban, den seinerzeit berühmtesten Festungserbauer Europas kommen, welcher das gewaltige Bollwerk gewiss nur allzu gerne vollendete. Nunmehr gehörte Breisach endgültig zu den bedeutendsten Festungen Europas, ein ungeheuerlicher, einschüchternder Anblick.

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Wer nun vermeinte, damit sei wohl Breisachs undankbarer Status als europäischer Zankapfel getilgt, sah sich gründlich getäuscht, das genaue Gegenteil nämlich sollte sich bald erzeigen. Breisach wurde zwischen den beiden sich regelmäßig bekriegenden Supermächten Frankreich und Habsburg-Österreich förmlich hin und her geworfen. Zwar zeigten sich die Schanzen Breisachs tatsächlich und vollends unüberwindbar, aber im Zuge von Verhandlungen und Friedenschlüssen kam die Stadtveste mal zum einen, dann schnell wieder zum anderen Kontrahenten.
     Endlich war es Österreich, namentlich Kaiserin Maria Theresia, welche 1741-43 planmäßig Mauern und Schanzen schleifen und die Militärbauten sprengen lies — was seinerseits bestimmt auch wieder Schauspiel genug. Die umstrittene Kaiserin wollte damit den ewigen Streitpunkt in eine normale Stadt überführen, ein besseres Verhältnis zu Frankreich im Auge. Das gelang auch zunächst und für einige Jahrzehnte; genauer bis zu dem Zeitpunkt als ein Mensch auf der Weltbühne erschien, den solche Einzelheiten wenig bekümmerten zog er am Ende doch aus die ganze Welt zu erobern. Im September 1793 erschien an der Spitze der Revolutionstruppen kein geringerer Als Napoleon vor den Toren Breisachs. Die Stadt war wohl entfestigt worden, was vor allem für die gewaltige sternförmige Schanzenanlage zu Füssen des vom Stadtzentrum eingenommenen Felsens galt, besaß aber neben der weiterhin gegebenen strategischen Position den durch die verbliebenen hohen mittelalterlichen Mauern des Stadtberges eine beeindruckende Wehrhaftigkeit.
     Für Napoleon Grund wohl genug ein veritables Exempel zu statuieren: geschlagene vier Tage lies er Brandbomben in die Stadt feuern. Hernach war Breisach im Wortsinne ruiniert, vollends in Schutt und Asche gelegt, kaum ein Gebäude unversehrt.
     Wohl hatte man in Deutschland, wohl hatte man in Baden bis dato und zuvörderst durch den 30jährigen Krieg und den Pfälzer Erbfolgekrieg bereits unzählige Städte in Schutt und Asche fallen sehen, doch der Fall Breisach stellte auf ungeheuerliche Weise Besonderes und Erstmaliges vor Augen. Alle traurigen Leidgenossen waren nämlich durch Stadtbrände, welche zumeist systematisch angelegt, ihrer Existenz beraubt worden. In Breisach dagegen wurde erstmals eine Stadt einzig durch Artilleriefeuer, durch unablässigen Beschuss von Bomben ihrer Existenz beraubt.
     Napoleon, immer fortschrittlichen Geistes, hatte also auch hier die Zeichen und Möglichkeiten der Zeit erkannt. Auch hier Napoleon ein Visionär. Und über Breisach erhob sich neben dichten Rauchschwaden, ein dunkler Schatten schwarz wie die Nacht, wohl noch ein Jahrhundert wartend, dann aber zum europäischen Schreckgespenst schlechthin befördert.

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Das arme Breisach lag völlig danieder und schlimmer noch, denn nun fand sich niemand mehr, der die einst so begehrte Stadt unter schützender Hand wieder aufbaute. Ein Jahrzehnt später kam Breisach mit ganz Vorderösterreich an Baden, welches selbst durch die Kämpfe für und wider Napoleon im Schicksale beständigen Ausblutens. Breisach, die Ruinenstadt, beinahe eine Geisterstadt. Wo einst auf dem Plateau jenes Rhein-felsens eine geschäftige Handelswelt, begünstigt durch den einzigen Hafen zwischen Basel und Straßburg, und zahlreiche Wallfahrer, welche die im Münster aufbewahrten Reliquien der Heiligen St. Gervasius und St. Protasius aufsuchten, kam nach vielen Jahrhunderten die Natur zurück. Geregelt immerhin in Gestalt von Weinreben und Kartoffeläckern, und dennoch eingedenk des ehemaligen Bildes, welch` erschütternd Anblick.
     Und auch das will man kaum glauben, jener dunkle Schatten, heraufbeschworen durch Napoleon, er kehrte nach Breisach zurück — obwohl sich Breisach vom verhängnisvollen September 1793 nie mehr erholte, statt dessen im Schutze relativer Anonymität nur zu kleinen Fortschritte noch fähig.
     Frühjahr 1945, die deutsche Westfront drauf und dran endgültig zusammenzubrechen. Und dennoch, was man begonnen, sollte nun vollends zu Ende gebracht werden. Im sinnlosesten Kampf des sinnlosesten Krieges, hatte man sich in Breisach verschanzt — wir erinnern uns, der günstigen strategischen Lage wegen.
     Und wie einst Napoleon unablässig nach der Stadt feuerte, so nun also die alliierten Verbände. Das arme Breisach, 150 Jahre nach der Urkatastrophe ging es jetzt ein zweites Mal zur Gänze unter, trocken statistisch betrachtet zu 85 %. Zu jenem Zeitpunkt, genauer ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich Breisach, wie ein sehr schöner Kupferstich beweist, durchaus wieder zu einiger Schönheit aufgeschwungen - all das aber wurde nun gleich dem mittelalterlichen Breisach ausradiert.
     So also kann man sich leicht ausmalen, was mein Kompagnon und ich sehen mussten, als wir uns durch die unter der stechenden Sonne flimmernden Straßen und Gassen des Stadtberges brachten. Eigentlich hätten uns Tränen kommen müssen.
     In den folgenden zwei Jahren beschäftigte mich das Schicksal dieser Stadt, welcher in Baden nur dank Heidelberg gleichwertiges an Schönheit fand, denn doch so manches Mal. Dann, wiederum bei strahlender Sonne, nunmehr aber in tiefstem Winter, betrat ich die Stadt ein zweites Mal, fest entschlossen für die anstehende Beschreibung der Stadt zu retten, was nur möglich. Wohl begebe ich mich damit in die Gefahr der Befangenheit — aber was gilt's, das alte Breisach ist solchem allemal wert.
     Nachdem die auch für Breisach gültige moderne Allerweltsperipherie "durchwurschtelt" war, teils fahrend, teils laufend, stand der Autor nun vor dem hoch aufragenden Stadtberg, namentlich an dessen Südseite. Noch weiter über dem beobachtenden Auge, den Rheinfelsen majestätisch bekrönend ein herausragendes Bauwerk, und das keineswegs nur für Breisach: das SANKT STEPHANSMÜNSTER.

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Sankt Stephansmünster, ein Name, der nicht trügt! Denn was sich da bei gleichzeitiger Verwendung von Romanik und Gotik auftürmt, darf — nein muss — ohne weiteres Münster genannt werden: eine Doppelturmanlage von beachtlicher Größe. Hinter dem ja nicht fernen Münster Freiburgs darf das Breisacher wohl als schönstes Gotteshaus in Baden gelten, wobei es in punkto Situierung (wie  eben beschrieben) sein Pendant gar noch übertrifft (und aus diesem Grunde auch vor den an Schönheit nicht nachstehenden Münster von Konstanz und Sankt Gallus in Ladenburg Platz nimmt). Darüber ward Sankt Stephansmünster durch viele Jahrhunderte hindurch das Zeichen schlechthin für Breisachs Bedeutung und Reichtum. Heute ist es vor allem noch der Künder des Untergangs gleich zweier Epoche — Zerstörungen, die feist auch nach dem Münster selbst griff, welches seinerseits also in Ruinen lag, vor allem nach dem zweiten Weltkrieg.
     Das reizvollste dieser Kirche bringt die überaus harmonische Verquickung der mittelalterlichen Stile der Romanik und Gotik, welche sich gleichmäßig um das gesamte Gebäude zieht. Errichtet vom 12. bis ins 15. Jahrhundert zeigt der Chor Hochgotik, die beiden Türme zumeist Romanik und teils Gotik, die Vierung und das Langhaus wiederum Romanik, die Westhalle schließlich Spätgotik. Am schönsten wohl der Kontrast zwischen dem feingliedrigen Chor und den schlanken aber massigen Türmen, also zwischen kleinteiliger Hochgotik und wuchtiger Romanik.
     Das Münster weiß noch Reste der mittelalterlichen BEFESTIGUNG unter sich, was die Monumentalität des Ausdruckes glücklich vollendet. Außerdem gewahrt man hier auf den zweiten Blick — zunächst fesselt das Münster regelrecht — ein weiteres Beachtenswertes, den sogenannten HAGENBACHTURM, versehen mit gotischem Spitzbogentor. Höhe und gequaderte Ecken verleihen dem Turm Wehrhaftigkeit, welche also einmal mehr an Breisachs Vergangenheit erinnert.
     Der Ausdruck der Wehrhaftigkeit vermehrte sich gar noch. Denn jetzt kam ich auf die Westseite, eine der beiden Längsseiten des gestreckten Stadtberges. Zur rechten Hand nun die Westhalle des Münsters und darunter weiter der Hagenbachturm. Ansonsten vor allem gewaltige Mauern, gleichfalls dem Mittelalter entstammend, die sich zum Teil gar in zwei Reihen und bis zu 20 Meter hoch recken. Ein Bild, das noch heutigentags von enormer Trutzigkeit, obwohl auch hier vieles abgegangen.
     Das abwehrend' Bollwerk streckt zwei weitere Edelsteine entgegen, namentlich das Rheintor und das Kapftor. Rechnet man das noch anstehende Gutgesellentor hinzu, so besitzt Breisach die erstaunliche Anzahl von vier Stadttoren, neben dem Münster und der in Teilen erhaltenen Wehrhaftigkeit die dritte echte Sehenswürdigkeit der Stadt. Wo andere Orte nämlich bestenfalls über ein altes Stadttor verfügen (und nur in wenigsten Ausnahmen über zwei oder drei), steht Breisach mit dieser Anzahl stolz an erster Stelle.

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Zunächst der gewaltige Klotz des RHEINTORES, das auf Veranlassung des Sonnenkönigs im Zuge des Ausbaus der Befestigung im Jahre 1675 erbaut wurde. Im der Art einer Triumphpforte zeigt es barock gekoppelte Pilaster und einen Dreiecksgiebel (Außenseite), der Durchgang hingegen spottet der begonnenen Großzügigkeit durch eigenartige Enge, was freilich der erwünschten Abwehr billig nützlich. Jenes Tor, kurios genug, stellt wohl den einzigen Fall, die die Regel bestätigende Ausnahme, für welche wir dem in Baden harsch unbarmherzigen Sonnenkönig nämlich Dankbarkeit schulden — was freilich ein verschwindend geringer Trost eingedenk der blinden Zerstörungswut, mit welcher er Nord- und Mittelbaden bis hinunter nach Freiburg bedachte. Tatsächlich aber muss das Rheintor neben dem Heidelberger Karlstor ohne weiteres als das schönste erhaltene Barock-Stadttor Badens gelten.
     Vor dem Tor der Schwanenweiher, ein Überbleibsel des einst hier direkt vorbei stömenden Rheines. Letzteren nämlich rückte dessen gerne so genannte "Bezwinger" Gottfried Tulla (und seine Nachfolger) im 19. Jahrhundert derart weit ab, dass man die alte Situation kaum für möglich halten will — eine Maßnahme, die letztlich vielleicht nützlich, aber keineswegs der Schönheit zuträglich ist. Ohne Zweifel, die Verlegung des Rheinufers hat dem Stadtbild viel Malerisches genommen — auch das eine Art folgenschwerer Zerstörung.
     Über eine leichte Holzbrücke, durch das Rheintor, geht es nun steil bergauf und bald schon taucht das KAPFTOR auf. Wie der Hagenbachturm entstammt es dem Mittelalter, genauer hin den Jahren um 1200. Die Außenseite macht ein ganz lustiges Bild. Der niedrige Bau hat einen Korbbogen als Durchgang, darüber eine Pechnase und rechts und links ein Fenster — kurzum es erscheint als ein Gesicht mit weit aufgerissenem Maule.
     Nun also im alten Zentrum der Stadt angelangt begebe ich mich zunächst zum Standort des einstmaligen SCHLOSSES. Über viele Jahrhunderte galt dieses als ein gewaltiger Bau. Errichtet ab 1198 durch Herzog Bertold V. von Zähringen besetzte es die dem Münster gegenüberliegende Querseite des Rheinfelsens, ergo die Nordseite. Von dem Schlosse muss man ganz und gar in der Vergangenheit sprechen, weil von ihm praktisch nichts mehr vorhanden! Die nach dem Beschuss Napoleons noch verbliebene Ruine ward nämlich am Ende ganz abgetragen. An seinem Orte, im wesentlichen eine Freifläche, wo sinnigerweise Schloss-Festspiele abgehalten werden, steht heute ein romantisch-wehrhafter Turm der 1870er, ein DENKMAL für den bereits eingeführten Tulla, den "Bezwinger" des Rheines. Dieses Gebäu immerhin und auch die erhaltenen enormen Stadtmauerreste, die hier ans Schloss stießen halten immerhin letzte Erinnerungen wach.
     Das Münster und zuvor den Radbrunnenturm anvisierend durchquere ich den einst blühenden nunmehr zerschlagenen Stadtkörper der Länge nach. Sollen hierbei einige Betrachtungen angestellt werden, worin denn eigentlich das große Unglück beim Abgang des alten Zentrums liegt. Über allem steht natürlich der mit den Zerstörungen verbundene Verlust von zahlreichen Menschenleben, auch die Vernichtung der Existenzgrundlagen der Überlebenden, sei es Wohnraum oder Geschäftsraum. 

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Viel später dann die schöne Gestalt der Straßen und Gassen, denn, wir hörten davon, Breisach durfte einigen Stolz über seinen Reichtum empfinden. Dieser spiegelte sich, wie in diesem Zusammenhang üblich, in der Gestaltung der Fassaden wider. Ärmliche Bürgerhäuser fand man hier nur wenige  — für solche hätte man sich eher in die zu Füssen des Stadtberges liegende Vorstadt begeben müssen. Hier oben dagegen fanden sich neben Münster und Schloss das prächtige Rathaus, ein eigenes Kaufhaus, auch Klöster (Augustiner, Barfüßer, Kapuziner), das meiste im Renaissance-Stil. Daneben sah man eine große Anzahl vortrefflicher Bürgerbauten, im Barockstil oder mehr noch wiederum der Renaissance verpflichtet. Die Hauptachse, welche durch den Radbrunnenturm sauber halbiert, war eine überaus lebendige Geschäftsstraße mit entsprechender Ausstattung und Repräsentation. Mittig und der Länge nach, dabei Schloss und Münster verbindend, führte sie durch den überaus lebendigen Stadtkörper.
     Das alles ist hin — tatsächlich existiert, den Radbrunnenturm ausgenommen, nicht ein einziges dieser Gebäude mehr. Im besseren Teil steht ärmlichstes Gebäu des 19. Jahrhunderts und im schlechteren reibt man sich vollends verwundert die Augen über ein typisches Einfamilienhaus-Gebiet(!) der 1980er Jahre. Doch genug davon, schließlich trat ich nicht an um von neuem zu betrauern. Und tatsächlich verlohnt sich ein genaueres Hinschauen. In jener Hauptachse zum Beispiel finden sich zwei überlebende PORTALE, eines aus Renaissance-, das andere aus Barock-Tagen. Beide prächtig. Hier und da wird man weiterer alter Tür- oder Toröffnungen gewahr, zurückhaltender zwar, und dennoch gewisser Trost. Das wohl kurioseste ist die große Anzahl erhaltener Erdgeschoss-Mauern, die heutigentags vor allem Höfe und Gärten abtrennen. In diesen Fragmenten zumindest hat vom mittelalterlichen Breisach doch einiges mehr überlebt.
     Auch der RADBRUNNENTURM hatte außerordentlich zu leiden. 1793 schoss man auch ihn regelrecht zusammen. Am Ende blieb nur noch der Stumpf des einst stolzen Turmes, der 1198 begonnen die Wasserversorgung der Stadt sicherte. Man hatte den von ihm geborgenen Brunnen tief in den Felsen getrieben, ja bis unter den Pegel des Rheines. Auch er galt ob seiner Größe und der vermittelnden Position zwischen Münster und Schloss über Jahrhunderte als Wahrzeichen des Stadtprospektes.
     Man bedurfte seiner auch noch im 19. Jahrhundert, und so wurde er alsbald wieder aufgebaut — allerdings nur in einer gar ärmlichen Ausführung. Die Breisacher, die nach dem zweiten Weltkrieg viel für ihre Stadt getan — das schwer beschädigte Münster und die stark mitgenommenen Stadttore wurden wieder hergestellt — nahmen sich auch des Radbrunnenturmes liebevoll an, was natürlich großes Lob verdient, wie man überhaupt im Falle des Stadtberges den Breisachern keine ernstlichen Vorwürfe machen kann.
     Man trieb den Radbrunnenturm wieder in die Höhe, wenn auch nicht ganz in die ursprüngliche — dennoch aber ist der Radbrunnenturm wieder eine Sehenswürdigkeit: ein Turm, mitten in der Stadt, durch das Quaderwerk der Ecken mit wehrhaftem Charakter.

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Im Hintergrund aber leuchtete schon das Münster, mich wie von selbst anziehend. Was hier, neben dem ja schon beschriebenen grandiosen Bauwerk, von großem Reiz, ist die Möglichkeit der Aussicht, die hier zweifellos die vielversprechendste. Gelegenheit die landschaftliche Situierung Breisachs ergänzend zu beschreiben. Nach Westen hin der Rhein, heute nicht viel mehr als ein Schifffahrtskanal. Zur Blütezeit Breisachs dagegen sah man den Strom mehrfach geteilt, eine veritable Flusslandschaft aus Seitenärmen und unzähligen kleinen und größeren Inseln. Nach Süden der etwas niedrigere Eckartsberg, einst integraler Bestandteil der riesenhaften Stadtbefestigung, heute mit letzten Mauerresten und einem Denkmal. Nach Osten endlich der nahe Höhenzug des Kaiserstuhls, von hier oben aus gut zu sichten, und, von der milden Wintersonne golden in Szene gesetzt, das vortrefflichste Bild.
     Schließlich nahm ich denn doch Abschied und damit den fälligen Abstieg, zu Füssen des Münsters und durch den Hagenbachturm. Immerhin warteten noch zwei schöne Bauwerke auf mich. Das erste, das bereits angedeutete GUTGESELLENTOR: ein Torturm, ganz aus grau-gelbem Naturstein und mit Pechnase. Einst gleichfalls Teil der den Berg umschließenden Befestigungsanlage hinterlässt er durchaus einen guten, ob geringer Höhe allerdings nur wenig wehrhaften Eindruck. Auch er entstammt im übrigen dem Mittelalter.
     In geringer Entfernung dann die FRIEDHOFSKAPELLE, die sich als Kirchturm einfach eines alten Turmes der Stadtbefestigung, des sogenannten SCHWEDENTURMES bemächtigte. Die Zerstörungswut Napoleons mag man auch daran ermessen, dass selbst diese einfache Kapelle in starke Mitleidenschaft geriet und ab 1806 neu errichtet werden musste.
      Hier unten, innerhalb der Grenzen der einst von mächtigen Schanzen umgebenen Vorstadt muss man erneut das Schicksal Breisachs bemühen: nicht ein einziges altes Bürgerhaus überlebte die Feuerstürme!
     Zieht der Autor, nunmehr am Ende angelangt, also ein an Merkwürdigkeit und Kuriosität nur schwerlich zu überbietendes Resümee. Vom historischen (mittelalterlichen) Breisach konnte tatsächlich kaum mehr als eine handvoll Gebäude die Zeiten überdauern; um der Genauigkeit genüge zu tun: gerade einmal 7 Stück! Diese 7 aber, gleichsam "Glorreiche Sieben", sind von solcher Qualität, und rechnet man außerdem die bedeutenden Befestigungsreste hinzu, dass sich eine Besichtigung Breisachs, selbst wenn man die historische Bedeutung der Stadt außen vor lässt, ohne weiteres verlohnt. Dem nicht genug geben das Münster und die vier Tore samt Stadtmauern, auch der Brunnenturm noch heutigentags einen Begriff von der einstigen großen Bedeutung Breisachs.
     Selten hat eine handvoll Gebäude mehr ausgerichtet! 
     Ein Trost, gewiss, alleine das beklemmende Gefühl über den gewaltigen Verlust verbleibt trotzdem.

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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage  www.breisach.de
4) örtliche Informationstafeln
5) Kupferstich und Stadtbeschreibung Matthäus Merians aus "Topographia Alsatiae"
6) Kupferstich aus "Großherzogthum Baden in malerischen Originalansichten"


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