Baukunst in Baden
  Bretten
 


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Die Stadt Bretten liegt nicht ferne von Karlsruhe und dennoch schon nahe zu Württemberg, in einem der schmalsten Streifen eben jenes Landes, das wohl durch seine Länge, nirgendwo aber durch Breite zu beeindrucken vermag! Brettens umgebende Landschaft, der Kraichgau, streut auch hier noch seine sanften Hügel, und die Stadt kam bei ihrer Situierung nicht umhin zum Teil selbst eine jener Anhöhen zu erklimmen, dasselbe aber nicht ohne daraus einigen Reiz zu schlagen.
     Bretten gehörte viele Jahrhunderte zur Kurpfalz, war gar dessen südlichste Stadt, gelegen in einer der zahlreichen Exklaven des aufrüttelnd zerklüfteten Kurfürstentums. Mehr noch, denn Bretten durfte sich zusammen mit Mosbach, freilich hinter der Kapitale Heidelberg, als wichtigste rechtsrheinische Stadt der Kurpfalz rühmen. Man sah ihr die Bedeutung nur allzu leicht an: wohlgebaut war Bretten, stark befestigt und überdies für die damalige Zeit von beachtlicher Größe.
     So vergingen also die Jahrhunderte. Bretten indessen prosperierte — prosperierte, bis endlich das 17. Jahrhundert mit all seinen Gräueln anklopfte, was gelinde ausgedrückt, denn es klopfte keineswegs, sondern kam, sah und fraß und zwar gründlich, ohne irgendwo zu schonen. Bretten hörte auf zu existieren, ein geläufiges badisches Schicksal; zumal im Pfälzischen Erbfolgekrieg, welcher auch für Brettens Untergang die Verantwortung zeichnete. Aber auch hier lies sich das Leben, das übrig Gelassene, nicht unterkriegen. Die Stadt ward wieder aufgebaut, was rühmlich genug, denn die Drangsale wollten auch im folgenden, im 18. Jahrhundert zunächst kaum abebben. Und dennoch, Brettens Kraft war gewichen. Man richtete wohl wieder auf, die alte Bedeutung aber und mit ihr die alte Bebauungsdichte der Stadt kamen nicht wieder.
     Läuft man heutigentags durch Brettens Straßen und Gassen, besichtigt die Plätze, so findet man vor allem jenen Wiederaufbau für Schönheit verantwortlich. Die Altstadt urbaner Dichte mag nicht besonders groß sein, was zum Teil daran liegt, dass sich der Modernismus nicht nur im großen, also nicht nur im das historische Bretten umlagernden "Speckgürtel" austobte, sondern eben auch hier beträchtliche Anteile einforderte. Immerhin aber gewahren wir in Bretten noch mehrere sehenswerte Partien, über welche im folgenden die alleine verlohnende Rede.
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Als man zum Wiederaufbau schritt, fand sich — was schlimmer klingt, als tatsächlich der Fall — nur wenig Fortschrittsgeist. Wo allerorten der Stil des Barock den formalen Takt schlug, beließen es die Brettener nämlich beim bewährten Fachwerkbau. Das aber verleiht dem heutigen Stadtbild seinen Reiz, einen weit größeren Reiz als der stiltypische Barock vermocht hätte. Letzterer nämlich bedarf um insgesamt zu gefallen schmuckreicher, aufwendiger und damit teurer Fassaden. Die Mittel hierzu aber fehlten in Bretten — die immer feingliedrigen Fachwerkfassaden dagegen blieben bei deutlich geringerem Kostenaufwand in ihrer Schönheit nicht zurück.
     Der schönste Ort Brettens ist zweifelsohne der dreieckige und durchaus geräumige MARKTPLATZ. Er wird von Einheimischen und Besuchern gerne in Anspruch genommen — zurecht. Er als erster darf vom Fachwerkbau profitieren. Namentlich die Nordseite führt ein feines Ensemble fränkischer, zurückhaltender Machart der Jahre um 1700. Auch findet sich hier mit einem Brunnen, bewacht von sandsteinerner Ritterstatue das passende Platzmobiliar.
     Die gegenüberliegende Seite zeigt vor allem Historismus, was für dieses Mal immerhin nicht verdrießt, vielmehr gar eine besondere Betrachtung verdient. Tatsächlich zückt der Historismus hier eines seiner gelungensten Werke - mag ihn der gegebene Anlass so angespornt haben; es galt nämlich einer der Leitfiguren der Reformation ein Denkmal in Gestalt eines Gebäudes zu setzen. Philipp Melanchthon, der berühmteste Sohn der Stadt wurde im Jahre 1497 an genau dieser Stelle geboren.
     Melanchthon, überaus sprachenbegabt, unterhielt sich auf dem Marktplatze noch in Kindertagen mit durchreisenden Studenten auf Latein. Später verfasste er als erster nach dem genialen Thomas von Aquin, dem überragenden Denker des Mittelalters, wieder theologische Gesamtdarstellungen. Als wichtigster Mitarbeiter Martin Luthers wirkte er bei dessen Bibelübersetzungen mit; im Zusammenhang der Reformation in Deutschland hat man seines Namens hinter Luther als zweitem zu gedenken. Eben das der Vorsatz beim Bau des neogotischen Gebäudes um das Jahr 1900. Ganz aus rotem Sandstein eifert es der wirklichen Gotik nicht ohne Geschick nach. Das Gebäude strahlt Monumentalität aus, welche dem Markplatze sehr gut ansteht, führt zahlreichen und ausgewogenen gotischen Schmuck über die Fassade. Das Hauptproblem des Historismus, überladener, wenig verständiger Ornamentbehang jedenfalls vermied der Architekt ohne weiteres.
     Ausgehend vom Marktplatze zieht sich die nicht kurze MELANCHTHONSTRASSE als Hauptachse von Ost nach West durch den Stadtkörper. Sie besitzt gerade noch die ausreichende Anzahl gelungener historischer Bauwerke (wiederum rettet der Fachwerkbau) um derselben einige Qualität einzuhauchen. Als Fußgängerzone ausgewiesen verlohnt sich das Flanieren.
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Bretten zeigt im Altstadtbereich gleich zwei historische Kirchen, beide ein wenig abgerückt zwar und zurückhaltend ausgeführt, gleichfalls aber Zierden der Stadt. Die größere, bedeutendere, die STIFTSKIRCHE. Ihre Ursprünge wurzeln gar im Romanischen; mehrfach umgebaut aber entdeckte sie entscheidende Aufwertung erst durch einen neogotischen Turmaufsatz (auch hier also der Historismus in ungewöhnlich glücklicher Rolle), welcher in gelben Sandstein getaucht auch noch detailreich — darüber im reizvollsten Kontrast zu den glatten und weiß verputzten Wänden des Schiffes und vor allem der unteren Turmpartie. Die Kirche liegt erhöht, wird entsprechend von einer Mauer gefasst und erwirkt mit dem AMTSHAUS, einem ruhigen barocken Gebäude, eine zumal ob ansteigender Topographie beachtliche Einheit. Jenes Amthaus im übrigen, errichtet 1783/84, obgleich ohne bedeutenden Schmuck, gefällt sich als schönster barocker Bau Brettens (so man es nicht in die Riege frühklassizistischer Bauten aufnehmen möchte).
     Die KREUZKIRCHE, in unmittelbarer Nähe der Stiftskirche, wurde als lutherische Kirche 1697 bis 1702 errichtet. Sie mag deutlich kleiner sein, in ihrer Bedeutung allerdings überragt sie die Stiftskirche.
     Die Kreuzkirche nämlich gehört zu den überaus seltenen Kirchen im Stil der Renaissance. Dieser manifestiert sich vor allem an den Öffnungsrahmungen. Im protestantischen Sinne tritt der Bau allerdings überaus nüchtern auf, in seiner Schönheit hinter die Stiftskirche zurück.
     Weiter geht's im Zweier-Takt, denn bevor man der überlebenden zwei Befestigungs-Artefakte gedenkt, weiß noch das Fachwerkspiel sich abschließend um zwei besondere Bauwerke. Zunächst das sogenannte HEBERER-HAUS, gegenüber der Stiftskirche 1555 das Geburtshaus Johann Michael Heberers, der als erster Reiseschriftsteller und zweitberühmtester Sohn der Stadt in die Geschichte einging. Der steinerne Sockel, der dem vernichtenden Stadtbrand des Pfälzischen Erbfolgekrieges trotzte, zeugt gar noch von dieser Zeit - der hohe Fachwerkaufbau dagegen verdankt sich der Wiedererrichtung im 18. Jahrhundert. Eine weite, von einer Strebe abgefangene Auskragung an der Gebäudeecke verleiht dem funktionalen (wenig schmuckreichen) Fachwerkbau spannungsvolle Originalität. Das Gebäude wurde keineswegs zum Gedenken Heberers ausgeführt und spiegelt dennoch ohne weiteres dessen Bedeutung wieder.
     Als zweites das GERBERHAUS, seines Zeichens ältestes Wohngebäude der Stadt, 1585 erbaut und der Niederbrennung alleine durch glücklichen Zufall entronnen. Lange Zeit lies man demselben nicht die gebührende Wertschätzung angedeihen, schlussendlich aber entsetzte sich der Bürgersinn und die längst anstehende Sanierung wurde ab 1990 in vorbildlicher bürgerschaftlicher Selbsthilfe organisiert. Leider eines der letzten Beispiele dieser Art, nicht nur in Bretten. Einmal in Schwung ergänzte man das der alten Stadtmauer lustig aufsitzende Gebäude gar noch um ein veritables Stadttor. Das gesamte Werk verdient ungeteiltes Lob.
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Nunmehr und abschließend also die Stadtbefestigung. Und am Gerberhaus angekommen sind wir auch schon am treffenden Orte, denn in nächster Nähe erhebt sich der liebe SIMMELTURM, der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschuldet. Gleich dem berühmten Turme zu Pisa verschmäht auch der runde Simmelturm die vertikale Ausrichtung je länger desto deutlicher — mittlerweile steht er so schief, dass man sich als Unbedarfter einer sorgenvollen Miene nicht zu enthalten braucht. Zum Kuriosen gesellt sich ein anmutiges Aussehen: über die raue untere Partie kragt das sorgsam aus gelbem Sandstein verfertigte Obergeschoss aus, hierfür einen kunstvoll gearbeiteten Spitzbogen-Fries zum Anlass nehmend.
     Am Simmelturm, respektive an dessen Standort kann man übrigens leicht ablesen, dass der Wiederaufbau des 18. Jahrhunderts innerhalb der alten Mauern nicht mehr die alte Kraft besaß. Denn die Partie zwischen Marktplatz und eben dem Simmelturm, die durchaus ein große, konnte ob fehlenden Bevölkerungsdruckes sehr locker und durchaus dorfartig ausgefüllt werden. Dabei avancierte sie leider keineswegs zu einer Augenweide.
     Das zweite erhaltene Artefakt des einstigen Bollwerks entbietet der viereckige PFEIFERTURM (Mitte des 13. Jahrhunderts), welcher um vieles roher, aber auch um vieles mächtiger als der lustige Simmelturm. Er begrenzt die Altstadt Richtung Norden, damit die höchste Stelle des bergauf gestaffelten Altstadtkörpers erklimmend. Eingedenk seiner eigenen beachtlichen Höhe nimmt uns seine dominante Wirkung, sichtbar auch vom einige Meter entfernten, ihm zu Füssen liegenden Marktplatz, kaum wunder. Die steinernen Konsolen des Wehrganges überlebten die Zeiten und stechen wie enggesetzte Stacheln aus dem Turm heraus.
     Nunmehr am Ende der Betrachtung soll ein kurzes Resümee beschließen: Bretten besitzt zwar nur eine kleine Altstadt (die unattraktive lockere Partie zwischen Marktplatz und Simmelturm nicht hinzugerechnet), diese allerdings heimst sich ob einer Anzahl schöner Bauten, zumeist dank des Marktplatzes ihr Lob leicht ein. Alleine das Vergnügen ist denn doch von solch kurzer Dauer, dass sich der Appetit mehr angeregt als gestillt findet.
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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage  www.bretten.de
4) örtliche Informationstafeln
5) Kupferstich und Stadtbeschreibung Matthäus Merians aus "Palatinatus Rheni", entstanden um 1645 (Seite 7)



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