Baukunst in Baden
  Burg Neidenstein
 


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Burg Neidenstein, majestätisch über dem Dorfe gleichen Namens, thront nahe Sinsheim zwischen den Hügelwelten des Kraichgaus und des Kleinen Odenwalds. Das Schwarzbachtal "fließt" vorüber, und so besitzt unsere Veste obendrein nicht geringe Fernwirkung. Gar trefflich erbaut sie eine Türme-Silhouette wenn man sich aus Richtung Waibstadt nähert. Das noch heute trurtzige Bollwerk besitzt Historie, datierend gar bis ins fünfte Jahrhundert, welche in baulicher Gestalt fortgeschrieben bis ins 16. Jahrhundert. Burg Neidenstein mag in Teilen ruinös liegen, gefällt dennoch aber als ausgezeichnet erhaltenes Ensemble, zweifellos als eine der schönsten Burgen des sanften Kraichgaus, übertroffen wohl nur — und das nimmer zur Schande — vom markanten Gebilde der Burg Steinsberg (gleichfalls Wanderungen Band '1').
     Die Veste ward zugleich ein Sitz des bedeutendsten Kraichgauer Freiherren-Geschlechtes, der Ritter von Venningen (Nachfahren wohnen noch heute im Palas der Burg). Als einfache Fliehburg bereits im 5. Jahrhundert(!) ins Licht der Geschichte tretend, begannen ihre Venningener Tage jedoch erst mit dem anbrechenden 14. Jahrhundert, als die rund 50 Jahre zuvor zur reichsunmittelbaren Sperrveste ausgebaute Anlage zum Lehen in die Hand jener Ritterschaft gelangte. Danach bedurfte es jedoch beinahe 200 Jahre bis man ihr weitere Aufmerksamkeit angediehen lies. Wohl wurde auch die Wehrhaftigkeit der Anlage nochmals gesteigert, aber je länger desto deutlicher wiesen die Bestrebungen auf den kunstvollen Ausbau. Der Stil der Renaissance zog ein.
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Die Neidenstein, wie sie dem Betrachter heutigentags entgegentritt, zeigt im wesentlichen drei Bauphasen. Die erste, die reichsunmittelbare Veste begründend, trägt folgende, einzig wehrhafte Komponenten bei: der hohe BERGFRIED, der ungewöhnlich breite HALSGRABEN, die RINGMAUER der HAUPT- und VORBURG. Diese Partien sind grau und vermoost, ruinös zwar, aber noch von stattlicher Größe und burgartig abweisend.
     Eucharius von Venningen fügte auf der Südseite einen RUNDTURM an, der noch dieser Tage unter Dach, und zog im Inneren der Hauptburg eine ZWEITE RINGMAUER, welche nunmehr zum Teil und zweifellos beeindruckend hinter der ersten Umfassungsmauer in die Höhe strebt. Auch hier alles mörtelgrau und nirgendwo "einladend". Des weiteren errichtete unser Eucharius einen PALAS, welcher vermittels Renaissance auch den Kunstsinn ansprechen sollte: zwei in der Tat ansehnliche Erker wuchsen aus demselben hervor. Der Palas, mit Buckelquadern und rustikal sich aus der weißen Putzmasse herausschälenden Fenstern, strebt kraftvoll über die Mauer der Hauptburg — von der Vorburg aus sehr reizvoll anzusehen. Ein Reiz der in einem direkt anschließenden WOHNBAU (zweiter Palas), welcher bei gleicher Höhe kontrastierend ruinös, nochmalige Steigerung ergattert. Der Innenhof der Hauptburg, wo auch die Renaissance-Erker um einiges besser zu erforschen, kann allerdings nur nach Voranmeldung betreten werden.
     Einer solchen entsagend, begnüge ich mich mit der Umrundung der Hauptburg, die durch den hohen Bergfried und die zwei Mauerringe einen wahrhaft imposanten Eindruck macht. Der quadratische, durchaus schlanke Bergfried strebt über dem Halsgraben, hinter der äußeren Ringmauer gleichsam in schwindelerregende Höhen, dabei spannungsvoll mit der inneren Ringmauer verschmelzend. Ein abweisend' Burgengebäu — so recht wie es sich der Burgenliebhaber wünschen mag!
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Dann zu den Bauwerken, welche unter Erasmus von Venningen der Anlage, dabei dieselbe beträchtlich erweiternd, glücklich eingegeben. Ein erstes Gebäude jener von 1533-1569 währenden Bauphase gewährte mir bereits Durchgang, der Turm des ACKERTORES, welches von Osten den Weg in die Vorburg freigibt. Bestens erhalten, zeigt es runde Torbögen (außen mit Ritterwappen), Schießscharten und auf  Rundbogenfries das leicht auskragende Obergeschoss mit Resten einer Pechnase. Der Turm des EINGANGSTORES zur Hauptburg, eine weitere Baumaßnahme Erasmus', ähnelt dem Ackertor; erscheint dabei wuchtiger durch geringere Höhe. Auf der Südseite schließlich, ergänzte er um einen schlanken RUNDTURM, der in nächster Nähe mit dem dickeren Rundturm des Eucharius ein schönes Ensemble gewinnt.
     Erasmus von Venningen, der im übrigen auch dem Schloss in Königsbach (gleichfalls Wanderungen Band '1') einige bauliche Aufmerksamkeit angedeihen lies, für die Neidenstein ergänzte und vollendete er die Haupt- und Vorburg. Am auffälligsten aber nimmt sich die eigentliche Erweiterung aus. In weitem Bogen lies er einen VORHOF ummauern, der die Grundfläche der Burg mehr als verdoppelte. Dieser Vorhof, er liegt zu Füssen der Vorburg; und nach der ungefärbten Wehrhaftigkeit, die bisher beständig vor Augen, glänzt er mit besonderer Anziehungskraft in Gestalt zweier kunstvoller Fachwerkbauten. Diese gestalten nunmehr die Renaissance und ihren Feinsinn zum Hauptthema — die Tage einseitigen Bollwerks waren abgelaufen. Laufe ich ihnen treppabwärts entgegen. Linker Hand, auf der wiederum hohen Ummauerung des Vorhofes lustig aufsitzend, das sogenannte HERRENHAUS. Das Erdgeschoss aus Stein, die Vorzüge der Renaissance durch sorgfältige Öffnungsrahmungen ins Licht stellend, vor allem aber durch das feine Eingangsrund mit Wendeltreppe. Darüber ein Geschoss fränkischen Fachwerks; das Holz, rotbraun gestrichen, nur umso auffälliger - am schönsten der nunmehr eckige Aufsatz der Eingangsrotunde.
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Direkt gegenüber der kongeniale Partner, das JÄGERHAUS — weniger kunstreich wohl in Stein- und Fachwerkdetails, aber durch zwei flügelartige Anbauten und bei gleicher Holzfärbung nicht minder auffällig. Auch hier im übrigen fränkisches Fachwerk, nachgewiesen unter anderem durch mehrmalige Verwendung der diesem Stil besonders typischen Formation des "Mannes". Geht man den langen Vorhof weiter in Richtung Ortschaft, dreht sich schließlich um, so wirken die beiden Fachwerkgebäude, als Bestandteil eines ergreifenden Prospektes, beinahe wie überreiche Torhäuser zur Vorburg. Von größtem Reiz dieser Prospekt, das Zusammenwirken von feingliedrigem Fachwerk und wuchtigen, steinernen Bollwerken. Bei der Außergewöhnlichkeit dieser Ansicht fällt es umso leichter einen der schönsten Burgenprospekte Badens zu bemerken.
     Erasmus von Venningen bewies seinen Kunstsinn nicht nur durch Bauwerke; auch bei der Bepflanzung des Vorhofes nämlich zeigte er sich vollendet zeitgemäß, indem er einen Garten anlegte, keinen geringeren zum Vorbild nehmend als den seinerzeit berühmtesten nördlich der Alpen: den kurfürstlichen Schlosspark zu Heidelberg. Auf der zur Verfügung stehenden Fläche innerhalb des Vorhofes geriet er natürlich bedeutend kleiner, aber dennoch zu einer seltenen Augenweide. Wie im nicht fernen Heidelberg kann auch er heute allenfalls geahnt werden.
     1611 kam auch für die Neidensteiner Linie von Venningen das Ende im männlichen Erbgang. Trotzdem wurde im Vorhof ein letztes Mal gebaut: eine kleine katholische KIRCHE im Romantischen Stil des 19. Jahrhunderts ergänzt seither das Burgenensemble auf zweifellos angenehme Weise.

Burg Neidenstein [Link] bei Schlösser und Burgen in Baden-Württemberg.
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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Jahreszahlen; Burg, Ort und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage der Gemeinde Neidenstein  www.neidenstein.de
4) Website  www.burgenweb.de
5) Informationstafel vor Ort

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