Baukunst in Baden
  Burg Ravensburg
 

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Die Ruine der Ravensburg liegt hart an der Grenze zu Württemberg, nahe Eppingen. Wie die noch beeindruckendere Burg Steinsberg (Wanderungen, erster Band), zu welcher sie bei rund 15 Kilometer Entfernung von Bergfried zu Bergfried Sichtkontakt unterhält, beweist die alte Veste nicht geringe Fernwirkung.
     Die Ravensburg, erbaut um das Jahr 1200 — die Namen Eppingen und Burg Steinsberg wiesen schon darauf hin — thront also in der gelinden, sanft schwingenden Hügellandschaft des Kraichgaus. Und der Bergfried, welcher das ansehnlichste Bauwerk, bei Gipfelsituierung der Burg noch weitere 30 Meter in die Höhe gebaut, steht dem "Kompass des Kraichgaus", dem Hauptturme der Steinsberg nur wenig nach, was ihn denn gleichfalls zu einem Wahrzeichen der umgebenden Landschaft, zum Wahrzeichen des zu Füßen liegenden Dorfes Sulzfeld ohnehin kürte.
Jenes Sulzfeld aber war der Hauptort eines kleinen reichsritterschaftlichen Territoriums und die Ravensburg rund 600 Jahre dessen Residenz. Besitzer waren und sind noch heutigentags die Freiherren von Göler. Ein Besitzstand, der nur selten (kriegsbedingt) unterbrochen war, dem aber mit Beginn des 19. Jahrhunderts, als auch dieses kleine Land an das Großherzogtum Baden fiel, die eigentliche, die vor allem dem Mittelalter gültige Autonomie genommen.
     Just zu diesem Zeitpunkt stand es ohnehin nicht mehr allzu gut um die Freiherren und damit auch um die Veste, welche nämlich ganz im Prozess des Verfallens. Freilich hatte die Ravensburg mancherlei kriegerische Drangsal erduldet. Im Schmalkaldischen Krieg 1546/1547 standen die Kraichgauer Ritter auf Seiten der protestantischen Kräfte, unterlagen schließlich gegen die katholischen Truppen Karls des V.; was denn zur Folge hatte, dass die Burg (und das Dorf) von spanischen Truppen des Kaisers nicht wenig geschröpft. Jahrzehnte später dann der 30jährige Krieg, unter welchem das kleine Territorium von beiden kriegsführenden Parteien zu leiden hatte. Schon jene erste Attacke ramponierte die Burg dergestalt, dass Bernhard von Göler seine Residenz nur mit Mühe wieder bewohnbar machen konnte. Und kaum war dieses Ziel erreicht, markiert 1607 durch einen neuen Palas im feinen Stil der Renaissance, da zog der tobende Kriegsmoloch, diesmal gar für unglaubliche 30 Jahre, ab 1618 schon wieder heran.
     Die Mauern der Ravensburg hatten also viel gelitten — aber sie waren der systematischen Zerstörung auf Befehl Ludwigs XIV. (der "Sonnenkönig") entgangen. Zahlreiche badische Vesten nämlich gingen vollends unter im Holländischen Krieg und im Pfälzischen Erbfolgekrieg, welche im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts im Sinne einer Niemandslandpolitik des französischen "Fuchses" die badische Rheinebene in bis dato ungekanntem Ausmaße verwüsteten.

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Im 18. Jahrhundert, im schöngeistigen Zeitalter des Barock aber kamen die Burganlagen, erachtet nur noch als dunkle und feuchte Ungetüme des ohnehin geringgeschätzten Mittelalters, ganz entschieden “aus der Mode“. Kurzum die bis jetzt noch recht glimpflich davon gekommene Veste verfiel.
     Auch das ein bemerkenswerter Umstand der Historie badischer Burgen. Man mag mit einigem Verdruss auf die Zerstörungswut des Sonnenkönigs blicken. Mit gleicher Enttäuschung aber hat man der Vernachlässigung und Geringschätzung vor allem des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu gedenken, welche nämlich eine große Zahl der verschonten Burgen ebenso in ruinösen Zustand brachten. Das Schicksal der badischen Burgen — man kommt an solcher Einschätzung kaum umhin — war das der Ruine; gleich ob durch Zerstörung oder durch Vernachlässigung. Und die wenigen Ausnahmen, zieht man auch noch die romantisierenden Restaurationen ab, bestätigen nur diese Regel.
     So nahm jenes Schicksal auch auf der Ravensburg ihren Lauf. Was also mehr und mehr verfallen, ward endlich bis 1822 in großen Teilen ganz abgetragen. Die Burg nämlich wurde weiterhin und noch bis 1850 als herrschaftlicher Wohnsitz benötigt. Und beengt von hoher Schildmauer, umgeben von verfallenden Gebäuden ließ es sich auf dem Burghofe nicht “modern” leben. Also weg mit dem “ohnehin wertlosen Tand”. Das “Ritterhaus” von 1565 und ein zweiter Wohnbau von 1486 fielen, ebenso die Schildmauer der Hauptburg. Was nun auf dem einst durchaus engen Burghofe als neuer Gast einzog, war eine Großzügigkeit der (leergefegten) Verhältnisse, welche auch noch im glücklichen Stand bester Aussicht.
     Und das sind die Verhältnisse noch der heutigen Zeit. Hat man das Tor zur Hauptburg durchschritten, strebt wohl noch der Bergfried kraftvoll in die Höhe; ansonsten aber fühlt man sich wie auf einer großen Aussichtsplattform. Der gewinnt man bei den schönen Ausblicken in die Hügelwelt des Kraichgaus viel Reiz ab, jedoch nur so lange bis man begreift was denn der eigentliche Preis dafür.
     Den heutigen Ruhm der Ravensburg begründet neben der trefflichen Situierung und dem trutzigen hohen Bergfried vor allem die Weitläufigkeit der Anlage. Zur nämlich nicht kleinen Hauptburg trat später noch eine sehr geräumige Vorburg. Und wie erstere in ihrem Umfang durch die unteren Partien der inneren Ringmauer, welche erhalten alleine zum topographischen Ausgleich, noch sehr gut nachvollziehbar — so noch leichter die Vorburg, welche trefflich definiert durch eine sehr lange Schildmauer mit drei Rondellen und großem Torbau. Hat man sich der Ravensburg auf einen Kilometer angenähert so sind es neben dem Bergfried tatsächlich vor allem die Mauern und Rondelle der Vorburg, die ein markantes Bild zeichnen. Die Schildmauer der Hauptburg, verborgen größtenteils unter wucherndem Grün, lässt sich immerhin schon erahnen; wie denn auch der mächtige Turm auf dieses Areal hindeutet. Darüber nun entbreitet sich das für eine badische Burgruine durchaus ungewöhnliche Bild einer weitläufigen Anlage.

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Weil diese Ansicht einerseits in die Breite geht und andererseits durch den Bergfried effektvoll kontrapostisch vertikal akzentuiert wird, mag man die Ravensburg durchaus als eine der schönsten Burgruinen des gesamten Kraichgaus anblicken.
     Auch das Nähertreten wird belohnt. An den Mauern und einem Rondell der Vorburg vorbei, steht man alsbald vor dem großen Torbau derselben. Dieser ist ein bestens erhaltener (instand gesetzter) zweistöckiger und langer Winkelbau. Er offenbart noch eine Vielzahl feiner Renaissance-Details für die Fenster und das rundbogige Tor. Das sehr ansehnliche Gebäu zeigt auch noch beträchtliche Fachwerkpartien (vor allem auf der Innenseite), die in spannendem Materialspiel zu dem ansonsten sorgfältig aus gelbem Sandstein verfertigten Gemäuer.
     Hat man das Tor durchschritten, staunt man zunächst nicht schlecht über die gähnende Leere des großen Vorburghofes. Was aber sogleich anzieht, ist nicht weniger als der schönste Prospekt der Hauptburg. Nicht nur der Bergfried ruft herbei, auch nämlich ein langer Flügelbau, der zugleich das Tor zur Hauptburg behauptet. Hat man die Steinbrücke über den Zwinger betreten, entpuppt sich dieser Bau als der Renaissance-Palas von 1607. Auch dieser verzeichnet Verlust, indem das alte Dach und die Steingiebel abgingen. Als aber ab 1953 der Palas zu einem bis heute verköstigenden Restaurant ausgebaut wurde, da war denn auch ein Dach vonnöten — und so steht dieser jüngste und alleine erhaltene Wohnbau der Hauptburg ansehnlich vor Augen. Die Ansehnlichkeit wird zumeist durch eine Anzahl trefflicher Renaissance-Details gewirkt. Fein gerahmte Fenster lugen in nicht allzu großer Höhe in den Zwinger, daneben gefallen das rundbogige Tor und das benachbarte Portal — am erbaulichsten aber ein Altan, der auf massivem Unterbau in den Zwinger geschoben und mit dem gotischen Anachronismus einer sehr gefälligen Maßwerkbrüstung prunkt (die Gotik kam ja vor der Renaissance und war 1607 längst nicht mehr auf der “Stiltagesordnung“). So fällt denn eine nicht geringe Kunstfertigkeit dieser Außenseite der Hauptburg auf. Eine Kunstfertigkeit freilich, welche die Wehrhaftigkeit zwangsläufig unterminieren musste.
     Es rührt den heutigen Betrachter seltsam an, dass noch im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts eine Veredelung so mancher Burg auch zahlreiche Fensterdurchbrüche durch die einst verschlossen-wehrhaften Außenmauern führten. Mögen als weitere Beispiele der Herabsetzung von Wehrhaftigkeit die Handschuhsheimer Tiefburg (Wanderungen, erster Band) oder auch das Heidelberger Schloss (Wanderungen, zweiter Band) dienen. Wenige Jahre also vor dem Losbrechen des großen 30jährigen Krieges setzten nicht wenige Burgherren die Wehrkraft zugunsten angenehmerer Lebensführung, eines einnehmenderen Aussehens bewusst herab. Obgleich der 30jährige Krieg bereits geahnt wurde, durch den Schmalkaldischen gleichsam schon verheißen war, also eine sehr optimistische Zukunftsperspektive, eine typische Leichtfertigkeit der Verhältnisse, wie sie den großen Kriegen auch gemeinhin vorausgeht.

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Hat man das Tor, welchem man beim Restaurant-Einbau das nur wenig ansehnliche Fachwerkgeschoss aufsetzte, dann durchquert, steht man auch schon unmittelbar vor der wuchtigen Masse des Bergfrieds. Mag man, bevor man sich diesem zuwendet, noch die Betrachtung des Palas abschließen. Auch die Innenseite, welche durch einen gleichfalls einstöckigen Küchenbau im Winkel angelegt, hält feine Renaissance-Details bereit. Am schönsten das prächtige Portal neben dem Tor. Obgleich nicht unbeschädigt, glänzt hier alle Kunstfertigkeit der Spätrenaissance für das vielgliedrige zarte Ornament des Portalbogens und des Allianzwappens Göler-Menzingen darüber. Nun begreift man endgültig, dass zur reizvollen Anlagengestalt der Ravensburg als eine weitere bedeutende Sehenswürdigkeit das vielfach zu sichtende Renaissance-Detail hinzutritt.
     Die stolze Renaissance des Palas hat die Burgenlust nicht wenig beflügelt. Umso trauriger also, dass außer dem Bergfried auf dem Burghofe nichts weiter zu gewahren. Vom “Ritterhaus” und dem älteren Wohnbau sind wohl noch die Keller erhalten. Das Unterirdische bereichert hier oben freilich nicht im mindesten.
     Gilt alle weitere Aufmerksamkeit, erst recht wenn man sich an der Aussicht genüge getan hat, dem wuchtigen quadratischen Turme. Als ältestes Gebäu der Ravensburg stammt es gar noch aus deren Anfangstagen, wurde um 1220 aus typisch staufischen Buckelquadern in 30 Meter Höhe getürmt. Die Sauberkeit der Mauerung gefällt. Hier und da kleine Öffnungen. Aus der luftigen Höhe des zweiten Stockwerks grüßt der ehemalige Eingang mit romanischem Bogen. Das oberste Stockwerk hat sich verabschiedet, jedoch nicht ohne kleine Öffnungen und markante Konsolen von Austritten zurückzulassen. Die imponierende Erscheinung erfährt ihr i-Tüpfelchen in der Begehbarkeit. Hat man dann die zahlreichen steilen Stufen überwunden, belohnt die vorzüglichste Aussicht in das Kraichgauer Hügelspiel. Indessen gewahrt man auch den Bergfried der Steinsberg. Hier oben will man denn die Aussicht vom Burghofe nicht mehr allzu sehr schätzen und empfindet wieder Missmut über die Leere, wo einst so erhabene Burgengebäulichkeit.
     Am Ende findet man sich vielleicht im Burggraben wieder. Diesen, nicht tief um die leicht gestreckte, teils eckige, teils gerundete Hauptburg führend, kann man nämlich leicht betreten; wie ja auch noch das Abwägen der Schildmauerreste fehlt. Dicht bewachsen ragt die Mauer zum Ausgleich des Geländes, welches für den Burghof deutlich anhebt, noch einige Meter in die Höhe. Zwei Stümpfe von Rondellen fallen im Norden und Westen auf. Ansonsten gefallen die Prospekte alleine, weil überall der beherrschende Bergfried mit reinlugt. So ist denn der mächtige Turm aus der Nähe wie aus der Ferne das Hauptstück der Ravensburg.


Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale; Burgruine und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage
burg-ravensburg.de 
4) Homepage von Sulzfeld 
sulzfeld.de
5) Informationstafel vor Ort

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