Baukunst in Baden
  Eberbach
 


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Die alte Stauferstadt liegt auf halber Höhe zwischen Heidelberg und Mosbach, mitten im hier längst eng gewordenen Neckartal. Der große Reiz der Natur, das Nebeneinander von Fluss und sich steil emporreckenden Talwänden — Odenwald auf der einen, Kleiner Odenwald auf der anderen Seite — ist schönster Hintergrund für eine Stadt, die selbst um einige Schönheit weiß. Eine glückliche Kombination also, die Eberbach im badischen Anteil des Neckartals zur Prinzessin kürt, übertroffen nur von der freilich unübertrefflichen Königin Heidelberg. 
     Zu Füssen der gleichnamigen, heute ruinösen Burg nutzte der als Stadtgründer geltende König Heinrich VII. vermutlich ab dem Jahre 1227 den Einfluss des Bachlaufes Itter, respektive das durch die Einmündung des Seitentales geschaffene Plateau als günstigen Standort der neuen Stadt. Eberbach "klebt" also trotz der Enge des Tales nicht an einem Berghang, sondern nutzte einen breiteren Streifen zwischen Neckar und Talwand — eine bewusste Entscheidung zugunsten der rasch zu erbauenden Befestigung. Bereits 1235 aber fielen Stadt und Burg ans Reich. Beachtlich genug, Eberbach erlangte den Status einer unmittelbaren Reichsstadt. Auch das allerdings nicht von Dauer, 1297 nämlich war's mit jener Herrlichkeit schon wieder vorbei, und es ging weiter mit munteren Wechselspielchen. Dann jedoch, ab 1330, nach einer Verpfändung gelangte die Stadt an die Pfalzgrafen bei Rhein, die späteren Kurfürsten der Pfalz. Zwar erlangte Eberbach kurze Zeit später nochmals die Reichsstadt-Würde, welche aber, von den Pfalzgrafen konsequent unterminiert, sich endlich in der Bedeutungslosigkeit verlor. Eberbach blieb über Jahrhunderte kurpfälzisch, bis es schließlich 1806 als Teil der rechtsrheinischen Territorien der Kurpfalz in das neu errichtete Großherzogtum überführt ward.
     Nach der Stadtgründung wuchs, ja gedieh Eberbach innerhalb der binnen kurzer Zeit errichteten Wehrmauern. Wohl fand man die Grenzen eng genug gesetzt, bei freilich dichter Bebbauung Schutz für viele Menschen. Eine Ausweitung der Stadtmauern, vielleicht wäre sie angestanden, hätte nicht das vergewaltigende 17. Jahrhundert dreingehauen. Zwar blieben Eberbach die allerorts wütenden Zerstörungen des 30jährigen, mehr noch des Pfälzischen Erbfolgekrieges glücklich aufgespart, Besatzungen aber musste das Städtlein dennoch aushalten. Es blutete langsam aber sicher aus, konnte sich dann auch im 18. Jahrhundert ob weiterer kriegerischer Zeiten bis in die Tage Napoleons nicht erholen.
     Eberbach fiel in eine Art Dornröschen-Schlaf, aus welchem die Altstadt auch in den prosperierenden Folgejahrhunderten nicht erwachen mochte. Niemand halte das für traurig oder gar schlecht. Die Stadt nahm nach den unvermeidlichen Verzögerungen, welche die schwierige Zugänglichkeit des Standortes durchaus mit sich brachte, an allen Segnungen des 19. und 20. Jahrhunderts teil — alles jedoch nur außerhalb der (ur-)alten Stadtmauern. Der Ort gewann mehr und mehr an Ausdehnung, und die dabei verschonte Altstadt bewahrte ihre Schönheit. Ein zementierter Zustand dergestalt, dass nicht einmal Brandbomben des Zweiten Weltkrieges, die zwei Monate(!) vor Kapitulation des 12-jährigen „tausendjährigen Reiches" in die hoch brandempfindliche Fachwerkstadt platzten, wirklich rütteln konnten. Welch' Glück! Ja ein handfestes Wunder!

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Das auffälligste der Stadt, das sie überregional und tatsächlich vor fast allen Städten Badens hinsichtlich der Stadtgestalt auszeichnet, bestellt ihr Repertoire an erhaltener Befestigung: Eberbach verfügt noch über alle vier Ecktürme! Darüber hinaus konnte man neben einem kleinen Tor eine nicht geringe Länge der Stadtmauer in unsere Zeit retten — allenthalben zwar "angeknabbert", aber den Altstadtbereich ausgezeichnet definierend. 
     Was also von außen nicht besser beginnen könnte, setzt sich im Inneren ohne weiteres fort. Mögen die Straßen, Gassen und Plätze nur wenig großzügig sein und nüchterne Rechtwinkligkeit gegenüber malerischen Schwüngen vorziehen, so verfügt die Altstadt durch eine Anzahl trefflicher Bauten, worunter die meisten aus Fachwerk, dennoch über ein beachtliches Maß an urbanem Flair. Jenes nun, gerade in der Enge der Stadt, erzeigt sich eindeutig noch als ein mittelalterliches, was also den Nachteil billig schmälert und in Teilen tatsächlich den Eindruck eines vollführten Dornröschen-Schlafes zu erwecken vermag. Ab und an natürlich gelang dem Modernismus auch hier der Sprung über die Stadtmauern, das süße Schwelgen dann jäh aussetzend; so kennt das Lob auf Eberbach seine Grenzen.
     Gehen wir also den bereits grob vorgezeichneten Weg, zuerst die alte Befestigung in Augenschein nehmend. Beginnen wir sogleich mit der schönsten Seite Eberbachs, dem Neckarabschnitt. Einst lag die Stadt direkt am Neckar, was den malerischen Ausdruck dieser Seite vollendete. Heutigentags, der Neckar "zurückgestutzt", zwängt sich eine Bundesstraße zwischen Stadt und Gewässer. Des Flusses also traurig beraubt gewahrt man aber immer noch einen sehr schönen Prospekt. An der Nordostecke strotzt der PULVERTURM (13. Jahrhundert), ein geknickter Schalenturm, nicht nur der auffälligste der vier Eberbacher Türme, auch nämlich einer der schönsten, der ungewöhnlichsten allzumal in ganz Baden. 
     Mit dem THALHEIM'SCHEN HAUS, einem großen und zugleich dem ältesten Steinhaus der Stadt, einem veritablen Klotz von einem Gebäu, zeichnet er ein reizvolles Ensemble aus. Entlang des Neckars sitzen beinahe durchgängig Gebäude auf Resten der alten STADTMAUER, ein lustiges, überaus lebendiges Bild, zumal dieser Abschnitt genau auf Sonnenseite, das auf und ab der Formen genau ausgeleuchtet. Am anderen Ende wartet der sogenannte BLAUE HUT, der jüngste, freilich auch schon fast 600 Jahre alte Eckturm. Er kommt als ein ulkiges Ding, denn das aufgesetzte Zwiebeldach hat sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem komischen, ja wie abgetragen wirkenden Hut verformt. Im übrigen gab ihm der blau-schwarze Schiefer den schönen Namen.

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Um die Ecke biegend trifft man alsbald das BETTENDORF'SCHE TOR; klein und unprätentiös zwar, dennoch ansehnlich und durch die Mauer genau zwischen zwei der ältesten Fachwerkhäuser führend. Dieselben sitzen wiederum auf der weiterhin erhaltenen Stadtmauer, an welcher wir nunmehr den Weg fortsetzen in Richtung dritter Eckturm. Das historische Zentrum wird hier dank der Mauer glücklich separiert von der Stadterweiterung und streckt die nächsten Fachwerkbauten entgegen. Dann also der ROSENTURM (13. Jahrhundert) — sein Dach hat er zwar verloren, gefällt dadurch aber umso besser in seiner Reinform als Zylinder aus rotem Sandstein.
     Hier nun endet die Stadtmauer leider. Den letzten der vier Türme, den sogenannten HASPELTURM (14. Jahrhundert) kann man durch sein hohes pyramidales Schieferdach trotzdem leicht ausmachen. Er als einziger ward verputzt, was seine hervorstehenden Eckquader billig betont, welche ihrerseits dem ohnehin wuchtigen, viereckigen Turm  rustikales Aussehen gewinnen.
     Der aufmerksame Beobachter hat es längst notiert, die Stadt-, respektive die Befestigungserbauer waren offenkundig formenfreudige Baumeister — die vier Ecktürme sind in ihrer gestalterischen Konzeption verschieden, nein grundverschieden! Ein Lehrbuch des Turmbaues also und das alleine schon ausgemachte Attraktion.
     Nun das von den vier Türmen reizvoll abgesteckte Areal, der mittelalterliche, oder  besser der mittelalterlich wirkende Stadtkörper (eine große Anzahl Bauten, auch Fachwerkbauten, entstammt aus verschiedenen Gründen dem 19. Jahrhundert). Die ihn ausfüllenden Gebäude stellen also häufig Fachwerk vor — so nehmen sich gerade die Hauptwege sehr reizvoll aus. Zwar findet man nur selten vier bis fünf Fachwerkbauten in Folge, dafür aber tauchen sie immer wieder von neuem auf, in der Art eines Grundgerüstes, welches insgesamt den Straßenbildern einiges Leben einhaucht.
     Im einzelnen unbedingt zu nennen das BADHAUS, eines der seltenen, noch erhaltenen mittelalterlichen Badhäuser (aus dem 15. Jahrhundert und damit wohl gar das älteste Badens!). Zwei Steingeschosse, geziert von entsprechenden mittelalterlichen Details und einer hübschen Freitreppe auf der Eingangsseite — die beiden hohen Giebel endlich zeigen das (fränkische) Fachwerk. Schöner noch, größer, der BETTENDORF'SCHE HOF am bereits genannten Bettendorf'schen Tor mit dem vermutlich ältesten Fachwerkhaus der Stadt, erbaut um 1470. Auch auf der anderen Seite des Tores findet man ein altes Fachwerkhaus, und diesem gegenüber in gleicher Machart das älteste PFARRHAUS Eberbachs. Während der Hof durch die auskragenden Geschosse noch Züge alemannischer Fachwerkkunst trägt, erstanden die beiden anderen schon im reinen fränkischen Stil. Insgesamt ein anziehendes durch Feingliedrigkeit und Ausschmückung gewinnendes Ensemble.

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Als schönster Platz gilt der "ALTE MARKT". Selbst ihm geht die angemahnte Großzügigkeit ab, auch er also von mittelalterlichem Ambiente, das freilich in merkwürdigem Kontrast zu den vornehmen klassizistischen Bauten, welche den Platzraum begrenzen. Während sich die Stadthäuser dieses Stiles zurückhalten, tritt das ALTE RATHAUS wahrhaft imposant auf. Ins Werk gerufen 1824 von Weinbrenner-Schüler Thierry vermeint man das Gebäu ob kompromissloser Monumentalität weit größer als es tatsächlich für sich beanspruchen kann — das gelungenste Werk Thierrys, überhaupt eines der besten Ergebnisse des Klassizismus im Stile Weinbrenners. Bullig, figural, auf gewaltigen Pfeilern ruhend eindeutig der Regent des kleinen Platzes.
     Weiterer Blickfang das HOTEL KARPFEN, von einfacher Bauart nur, aber umso auffälligerer Bemalung (in Sgraffito-Technik von 1934). Die klassizistischen Bauten werden wiederum und zur größeren Lebendigkeit des Alten Marktes von einigen Fachwerkbauten unterstützt. Ein ungewöhn-licher, merkwürdiger Stadtplatz, in seiner Eigenart wenig zurückstehend hinter der Attraktion der Wehrtürme.
     Das einzige wirkliche Manko der Altstadt ist das Fehlen einer ihr ebenbürtigen Kirche. Der Romantische Stil der am Rande der Altstadt errichteten MICHAELSKIRCHE (1836) und SANKT JOHANNES NEPOMUK (1884-87 in italienischer Neo-Renaissance) muss nicht groß kritisiert werden — beide besitzen ohne Zweifel gestalterische Qualitäten — hinter den mittelalterlichen Stilen oder auch dem Barock steht die jeweils gewählte Formensprache allerdings zurück. Eine dritte (ehemalige) Kirche findet sich mitten in der Stadt, das LUTHERISCHE GOTTESHAUS von 1777. Es ist das einzige auffälligere Gebäude aus barocker Zeit (wir sprachen davon, das 18. Jahrhundert war für Eberbach kein sonderlich prosperierendes) — auffällig aber nur als Stadthaus, denn typische kirchliche Attribute gehen dem Bauwerk ab. Und dennoch, durchaus schon frühklassizistisch und damit von seltener Stilart, besitzt das Gebäu keinen geringen bauhistorischen Wert.
     Die Betrachtung Eberbachs schließt außerhalb der historischen Grenzen, mit dem eigentlichen Anlass der Stadtgründung, namentlich der BURG EBERBACH (siehe hierzu Wanderungen Band '3'). Bereits im 11. Jahrhundert errichtet, besteht sie im Grunde aus gleich drei (kleinen) Burgen. Stark ruinös lassen sich nur noch wenige wirklich ansehnliche Partien ausmachen. Obgleich das Wenige durchaus der Betrachtung wert (insbesondere ob zweier romanischer Zwergarkaden) vermag die Burg im Gegensatz zur Stadt zumindest nicht durch genuine Schönheit anzuziehen. Eher schon durch ihr absonderliches Schicksal: 1402 wurde Burg Eberbach samt Stadt vom Pfalzgrafen Ruprecht an Hans von Hirschhorn verpfändet. Ein kühl berechnender Ritter, der keineswegs, wie man vermutete, den Erwerb einer weiteren Burg im Sinn führte, sondern vor allem seine beiden Burgen flussaufwärts und flussabwärts, die Vesten Hirschhorn und Zwingenberg, einer unliebsamen Konkurrenz entledigen wollte. Immerhin hätte Eberbach in den Wechselfällen mittelalterlicher Besitzerschaft bald schon einem Widersacher in die Hände fallen können — flugs also, kaum dass man dessen gewahr wurde, hatte der gerissene Hans von Hirschhorn die Burg schon geschliffen! Welch' Schelmenstreich!

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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Website  www.eberbach.de
4) örtliche Informationstafeln


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