Baukunst in Baden
  Eppingen
 


Das schöne Eppingen, eines der badischen “Fachwerkwunder”, ziert die sanft dahinschwingende Hügelwelt des Kraichgaus zwischen Karlsruhe und Heilbronn; für den näher bekannten: zwischen Bretten und Sinsheim (beide Wanderungen Band ‘1‘). Mag man das bedeutende historische Glück der Stadt, das wir sogleich als ein zweites wichtiges Charakteristikum festhalten wollen, daran ermessen, dass die beiden letzteren Städte Ende des 17. Jahrhunderts sprichwörtlich in Schutt und Asche sanken; Eppingen dagegen blieb.
     Jener tragischste Moment der badischen Städte und Ortschaften wird auf dieser Website oft benannt. Frankreichs Ludwig XIV., der selbsternannte “Sonnenkönig”, sah sich in Europa bedenklich isoliert und wollte sich auf seine Weise schützen: ein echtes Niemandsland sollte zwischen ihm und dem Deutschen Reich sichern, anzulegen freilich auf des letzteres Territorium. Im Holländischen Krieg der 1670er ward Südbaden zerschlagen, ab 1688 im Pfälzischen Erbfolgekrieg dann Nord- und Mittelbaden. Die systematische Niederbrennung und Schleifung galt Capitalen wie Heidelberg, Durlach und Baden-Baden, sie galt anderen großen Städten wie Bruchsal, Pforzheim, Ettlingen, Offenburg und Lahr, sie galt Festungen wie Mannheim und Philippsburg, ja sie galt selbst kleinen Burgen und Dörfern; und Kleinstädten wie Sinsheim und Bretten allzumal. Das Niemandsland, es entstand tatsächlich.
     Und es reichte gleichsam bis an die Stadtmauern von Eppingen. Die Stadt befand sich in den 1690ern in höchster Gefahr. Doch sie überlebte; und kam darüber gar zu einiger Prominenz. Als nämlich das Deutsche Reich endlich den Widerstand gegen die seinerzeit modernste Armee Europas organisiert hatte, da trat bald der berühmte “Türkenlouis”, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden an die Position des Oberbefehlshabers und vor die Tore Eppingens. Bedeutenden Ruhm als ein Kühner und Unbesiegter hatte sich der Markgraf in zahlreichen Schlachten gegen die weit nach Europa vorgedrungenen Osmanen erworben. So sollte er nun als Heerführer einer großen, aber umso bunter zusammengewürfelten Verteidigungsarmee das weitere Vordringen der französischen Streitmacht irgendwie aufhalten. Es war beinahe eine reine Abwehrschlacht, denn offensiv konnte man der Übermacht keineswegs beikommen. “Defensieren, bis zum letzten Mann!”, das galt dem Heidelberger Statthalter (wenn auch erfolglos). Und das galt überall an einer gewaltigen Verteidigungslinie, Badens Chinesischer Mauer! Vom südlichen Schwarzwald bis hoch nach Nordbaden entstanden unzählbare Verwallungen, Schanzen und Bastionen, die das Vorrücken des Feindes zumindest verlangsamen sollten. Solch exorbitantes Verteidigungswerk sollte denn auch nicht ohne besonderen Namen bleiben. Und da kam dann unser “Fachwerkwunder” zu größten Ehren, benannt nämlich wurde eines der längsten Festungswerke, das Europa je gesehen nach unserer Stadt: die Eppinger Linie. Das freilich nicht von ungefähr — und die Bedeutung noch weiter steigernd — sondern durch das riesige Hauptlager der Reichsarmee, welches von 1693-97 vor den Toren der Stadt, zwischen Eppingen und dem Dorfe Stebbach!

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Mit solcher Streitmacht im Rücken konnte der weitere Verlauf dieses furchtbarsten aller von badischen Landen durchlittenen Kriege unbeschadet überstanden werden. Eppingen lag so dicht als unzerstört möglich an der Totalzerstörungsschneise. Beinahe möchte man sagen: nur einen Schritt weiter …; ja wäre dem Invasoren nur ein Schritt weiter möglich gewesen, auch Eppingen hätte nach zwei bis drei Tagen lodernden Stadtbrandes aufgehört zu existieren. Die untergegangenen mittelalterlichen Städte Badens waren allesamt aus dem so leicht entflammbaren Holzfachwerk erbaut; wie leicht fiel da den Zerstörungskommandos nach vorheriger Eroberung und “Austrieb” der Bevölkerung die vollständige Niederlegung der Städte! Ja, wie wenige Brandherde reichten da aus, um das von Löschbemühungen ungestörte Feuer in den dicht gebauten Städten von Haus zu Haus züngeln zu lassen!
     Aber Eppingen hatte Ende des 17. Jahrhunderts Glück, sehr großes Glück. Davon nun profitiert nicht nur das Eppingen des 21. Jahrhunderts; nein, man darf wohl sagen, dass gleich ganz Baden profitiert! Denn was hier noch heutigentags in den Straßen und Gassen zu bewundern, die hohe Baukunst des Mittelalters, das macht Eppingen zu einer der schönsten Städte Badens, gleichsam zu einer “Fachwerk-Perle” des Landes. Man will die hohe Baukunst des Mittelalters bestaunen und studieren? Dann gehe man in Baden vor allem nach Mosbach und eben Eppingen. Und genau das wollen wir jetzt unternehmen, den baukünstlerischen Fähigkeiten längst vergangener Jahrhunderte nachspüren, unter Zuhilfenahme des glücklichen Eppingen.
     Bewegt man sich also durch die vorzüglichen Stadtprospekte, durch die mittelalterlichen, dem Auge angenehm geschwungenen Wege des Siedlungskörpers, dann möchte man eine Katastrophe, der der obige “letzte Schritt” leicht genug gelang, kaum glauben. Es war erst dem Zweiten Weltkrieg wieder vorbehalten ernstlich nach der Stadt zu greifen. Und wenn dessen vernichtende Luftwaffenschläge in Baden auch keineswegs von der Zerstörungswut des “Sonnenkönigs”; wo immer die vergeltenden Bombergeschwader auftauchten um den menschenverachtenden Größenwahnsinn Nazi-Deutschlands gleichsam herauszusprengen und abzubrennen, da freilich war den Städten höchste Gefahr im Verzuge: Mannheim, Pforzheim, Karlsruhe und Freiburg wurden empfindlich getroffen; auch das nahe Bruchsal fast ganz ausgelöscht. Und diesmal kam die fremde Streitmacht auch nach Eppingen, näherhin über Eppingen!
     Da aber erzeigte sich, dass das einmal bewahrende Schicksal sich jene Tat keineswegs rauben lassen wollte. Obgleich die Stadt im ausgehenden 17. Jahrhundert schon mit beträchtlichem Glück, war solches Potential noch keineswegs aufgebraucht. Bomben platzten in die engen Straßen und Gassen; und obgleich weit weniger genügt hätte um die empfindlichen Holzkonstruktionen jetzt einem Flammenmeer anheim zu stellen, ging nur wenig ab; ja ging nur so wenig ab, dass man ohne die entsprechende Information Eppingen als wiederum kriegsverschont erachten wollte. So will man nun endgültig begreifen, dass sich in Eppingen zur Bedeutsamkeit der Schönheit auch eine Merkwürdigkeit der Historie gesellt.

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Ein anderes Ungemach, welches nun wirklich vollkommen unabwendbar, welches denn auch jede andere Stadt Badens (und Deutschlands) im Griff, trifft man freilich auch in — oder besser um — Eppingen an. Es ist der funktionalistische Städtebau ab den 1950ern, der auch hier in großer und schwülstiger Ausuferung um den Altstadtkörper gelegt. Auch hier hat man also zunächst die dem interessierten Auge belanglose Gesichtslosigkeit und Anti-Ästhetik unserer Tage zu durchleiden um zum Angenehmen und Sehenswerten durchzudringen. Viel Peitsche auch hier um endlich vom Zuckerbrote zu kosten! Wiederum merkwürdigerweise weiß aber Eppingen auch um eine bedeutende Modifizierung dieses allgemeinen Bildes. Wo ansonsten nämlich von außen die Altstadt bestenfalls noch durch historische Türme auf sich aufmerksam machen darf — da erhebt sich in Eppingen durchaus die gesamte Altstadt. Eppingen nämlich nutzte zur Stadtgründung einen gelinden Hügel, der die Siedlung einst aus der Landschaft, nunmehr sanft aus dem modernen Erweiterungssumpf herauslugen lässt. Aus einiger Ferne erblickt man den schönen Campanile “Unserer Lieben Frau” mit seinem spitzen schwarzen Dachkegel, freundlich umlagert nach allen Seiten von teils voluminösen Fachwerkbauten; außerdem tritt etwas niedriger ein zweiter Turm bereichernd ins Bild, der Pfeifferturm der einstigen Stadtbefestigung. So liegt also die Schönheit Eppingens nicht wie so häufig versteckt im Dickicht moderner Anonymität, sondern über dasselbe erhoben und weithin sichtbar. Mag man dem so großzügig begünstigenden Schicksal hier das dritte Mal seine Dankbarkeit erweisen.
     Eppingen zeigt ein fast durchgängiges Fachwerkbild, zeigt darin direkt und auch indirekt das Bild der mittelalterlichen Stadt. Das der zwiefache Vorzug der Stadtansicht; man begreift die Fachwerkkunst und die Möglichkeiten des Mittelalters. In Eppingen hielt man die Holz-Stein-Konstruktion in hohen Ehren, in solcher Gunst, dass sie noch Früchte tragen durfte, als sie andernorts schon ganz “aus der Mode”. Und “aus der Mode” bedeutet seit dem frühen 18. Jahrhundert. Während also in den großen und (wie Eppingen) mittelgroßen Städten die Konstruktionen ganz aus Stein verfertigt oder noch verwendetes Fachwerk überputzt wurde, da blieben die Eppinger der alten Schönheit treu. Und wo gleichfalls ab der barocken Zeit bis weit ins 20. Jahrhundert mittelalterliches Fachwerk mehr und mehr als wertlos erachtet und nachträglich noch überputzt wurde, so dass in gleichfalls überlebenden mittelalterlichen Städten wie z. B. Wertheim der Großteil des so ansehnlichen Fachwerks hinter langweiligen Putzflächen verschwand, da rebellierte das selbstsichere Eppingen erneut.
     So erfreut man sich im Altstadtrundgang durch Eppingen an nur selten gebrochenen Fachwerkprospekten, die wohl hier und da schon aus der Neuzeit (ab 17./18. Jahrhundert) stammen, die aber nichtsdestotrotz mittelalterlichen Geist und Charme verbreiten. In solch spezieller Weise können denn außer Mosbach am Odenwald und Schiltach im Kinzigtal keine anderen Städte Badens neben Eppingen treten.
     Ein mittelalterliches Städtchen also wurde im späten 17. Jahrhundert gerettet. Das mag unbedingt auch ein Bild davon geben, wie die anderen niedergestreckten Städte wie — um in der Nähe zu bleiben — Sinsheim, Bretten, Bruchsal, Durlach oder Pforzheim einst aussahen. Und es will einem über den Verlust recht bange werden. Allesamt erstanden ohne weiteres zu neuer Ansehnlichkeit; in Bretten und Durlach ja auch heute noch nachvollziehbar. Was aber dort als neuzeitliche Stadt neu geboren wurde, das muss sich ein wenig verschämt hinter den mittelalterlichen Möglichkeiten verstecken; was umso gültiger als der Wiederaufbau immer unter schwierigen, ja ausgebluteten Randbedingungen, unter “Baumeister Schmalhans” vollbracht.
     Aber selbst als diese Nöte im Verlaufe des 18. Jahrhunderts neuem Wohlstand langsam wichen — und hier denken wir vor allem an die neue kurpfälzische Hauptstadt Mannheim — da konnten die neuen, die neuzeitlichen Kunstmöglichkeiten, der zweifellos liebreizende Barock, den mittelalterlichen Stilen bestenfalls gleichkommen. Das zumindest lehrt Eppingen (oder Mosbach und Schiltach); blickt man freilich ins weit glücklichere Elsass, nach den großen mittelalterlichen Städten Strasbourg und Colmar, so will man von einer Gleichwertigkeit des Barock (oder späterer Baustile) gleich überhaupt nichts mehr wissen.

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Wir freilich bleiben im kleinen Eppingen und überzeugen uns (mit Strasbourg im Colmar im Hinterkopf) von der höchsten Baukunst, die in Mitteleuropa je gefunden, der mittelalterlichen und hier namentlich der Fachwerkkunst.
     Und da konnte es denn auch nicht ausbleiben, dass die Schönheit Eppingens durchaus eine gleich dreifache! Zunächst lehrt uns der Städtebau. Der Städtebau des Mittelalters lehrt uns die Gerade zu verschmähen! Wie angenehm doch dem Augen die gefassten, geschlossenen Stadträume. Keine Wege, die sich erst in der Perspektive verlieren; nein allenthalben werden die Straßen und Gassen gekurvt oder gekrümmt, mit engen oder weiten Radien. Man mag sich wohl mit Heinrich von Kleist am barocken Strahlenkranz Karlsruhes oder mit Goethe an Mannheims Quadraten erfreuen; alleine doch nur um bei der Rückkehr nach Eppingen von einer gewissen Phantasielosigkeit und Sterilität wieder zu genesen. Seit Immanuel Kant wissen wir: "Das Gefallen ist unmittelbar und beruht weder auf Argumentation noch auf Analyse."[1]. Und deshalb trösten wir uns, dass die Schönheit solch mittelalterlicher Stadträume mit Worten nur umständlich und nicht in Form eines echtes Beweises zu greifen. Die Rationalität, ohnehin nur ein Grobwerkzeug, unfähig Gefühl und Geist befriedigend abzubilden, darf hier also schweigen. So geben wir uns also ganz dem Gefühlten hin, und hier verweist alle Intuition — welche freilich im "Makel" der Subjektivität — auf das angenehm Bergende solcher geschlossenen Stadträume. So aufgenommen fühlt man sich denn gleich wohl aufgenommen.
     Welch’ sonderbarer Charakter! Freilich einer, der unbedingt um die Architektur zu erweitern. Die Stadträume beginnen, was durch die einzelnen Bauwerke erst noch vollendet werden muss. Die zweite bedeutende Schönheit Eppingens ist das Allgemeine der Schönheit. Freilich erbrachte der Fachwerkbau dem reichen Bürger, dem Patrizier die mannigfaltigsten Möglichkeiten zur Ausschmückung: bedenke man die Vielzahl der verwendeten Holzbauglieder! Während den folgenden Baustilen von Barock und Klassizismus (und auch der zeitgleichen Renaissance) zumeist nichts anderes übrig blieb, als die zunächst nackt hochgemauerten Steinwände nachträglich künstlich zu verzieren, dem Auge annehmbar zu machen, so war die Vielgliedrigkeit des Fachwerks immer vorab ein Garant komplexer, bewegter Fassaden, natürlicher Kunst. Und die zahlreichen Streben, Ständer, Riegel und Schwellen boten die Möglichkeit nun ihrerseits künstlich geformt oder verziert zu werden, immer jedoch unter der Ägide der natürlichen (der statischen) Notwenigkeit des eingesetzten Elements. Wo aber solche kunstvolle Erweiterung der Konstruktion nicht möglich war — und hierbei denken wir an die zahlreichen Erbauer aus der einfachen, oft gar niedrigeren Bürgerschaft — da verblieb immer die Fein- und Vielgliedrigkeit, die Komplexität des Fassadenanblickes. Und damit ward in der mittelalterlichen Fachwerkstadt immer zumindest die natürliche Schönheit der funktionalen Konstruktion, der vom Holz nachgezeichneten Statik gefunden.
     Welch’ glückliche Epoche als die funktionale Fassadengestaltung eine zugleich schöne; als die reine Funktionalität der Statik keine glatte und sterile wie in unseren Tagen, sondern von einer Schönheit, wie sie nicht mehr geadelt werden kann als durch dies Prädikat: von einer natürlichen Schönheit!

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So auch in Eppingen. Früh genug noch werden wir von den herausragenden Fachwerkerzeugnissen als der dritten besonderen Schönheit Eppingens erfahren. Mag man in diesem das Gewürz der wohlschmeckenden urbanen Speise ausmachen — ohne das erst noch zu verfeinernde, das ja bei weitem den Hauptteil bedeutet, nützte auch das teuerste Gewürz nichts. Die zweite ausgewiesene Schönheit Eppingens, ihre allgemeine, liegt im allgegenwärtigen “nur” funktionalen Fachwerk. Zwar bemerkt man hier durchaus eine Vielzahl von zumindest teilweise besonders verzierten Fachwerkbauten, zumeist aber muss das Fachwerk ohne oder mit wenigen Schmuckformen auskommen. Und wenn auch darüber das einzelne Haus nicht in höchste Ansehnlichkeit kommt, so verbleibt jedem der Vorzug einer viel- und feingliedrigen Fassade, die zumindest durch das Geschick der nachzeichnenden Statik immer des Betrachtens wert. Denkt man nun solche Gebäulichkeiten wie an der Schnur gezogen, wie in Eppingen, sind die sich ergebenden Prospekten leicht von großem Reiz. Alleine denn doch hier und da geschlagene Wunden des Bombenbewurfs im Zweiten Weltkrieg und von kleineren Stadtbränden des 19. Jahrhunderts, manch traurig machende Vernachlässigung oder verdrießender modernistischer Einschub, können diese vorzüglichen Prospekte zumeist (wenn auch nicht ohne Eintrag) verwinden. Schönheit, wird sie nicht an prominenter Stelle verzerrt, vermag immer bis zu einem gewissen Grade Hässlichkeit zu kompensieren.
     Jene trefflichen, Fachwerk-gewirkten Ansichten werden nun umso mehr erhoben, als sich die herausragenden Bauwerke Eppingens beständig "hineindrängen". So man die Stadt nicht eingehend examiniert, worauf leicht mehrere Tage zu verwenden, wird das funktionale Fachwerk durchaus zu einer Art Rahmen, zu einem Rahmen, dessen Qualität alsbald erfasst um umso eindringlicher dem eigentlichen Inhalte die Anteilnahme zu widmen.
     Zur besonderen Anteilnahme, die über das Allgemeine der Schönheit zum Speziellen derselben voranschreitet, dabei die dritte besondere Anmut Eppingens zeichnet, rufen eine Anzahl Fachwerkhäuser und — bedingt auch durch den Fassadenkontrast — drei Steinbauten auf.
Gar trefflich lässt es sich streiten, will man das schönste Bauwerk Eppingens bestimmen. Deutlich geringer dagegen werden die Widerstände, wenn man sich über die drei schönsten verständigt. Und man tut gut daran ersteres zu lassen, statt dessen einer Troika Gleichgestellter das Wort zu reden. Zu unterschiedlich nämlich die jeweils hohen Qualitäten, wie denn in solchen Fällen nur noch unentdeckte Subjektivität auf eine Reihenfolge pochen möchte.
     Drei Bauwerke also. Benennen wir sie sogleich mit ihrer jeweils besonderen Qualität. Und lassen wir alleine eine chronologische Reihenfolge wallten.
     Zunächst die die Stadtsilhouette vollendende Kirche “Unsere Liebe Frau”, erbaut 1435 im landgotischen Stil. Dann die “Alte Universität”, ein Fachwerkbau der Gotik, im alemannischen Stil aus 1494/95. Endlich das Baumannsche Haus, wiederum ein Fachwerkzeugnis, das die monumentale Wucht des vorgenannten gegen feine Renaissance des Jahres 1582, den alemannischen gegen den fränkischen Stil vertauscht. Drei Bauwerke — drei ausgewiesene Qualitäten: Steingotik, alemannische Fachwerkgotik, fränkische Fachwerkrenaissance. Betrachten wir die drei in ihrer Bedeutung zum Teil weit über Eppingen hinausreichenden Gebäulichkeiten näher.
     Zunächst also “Unsere Liebe Frau”. Das Gotteshaus war eines der Opfer des Bomberangriffes vom 04. April 1945 (sic! wenige Tage vor der Kapitulation!). 1969-74 wurde dann auch noch eine Vierung statt des Chores eingebaut. Kurzum sehenswert alleine die erhaltene Vorderseite mit dem Haupteingang und der treffliche Campanile. Beide sind aus gelbem Sandstein verfertigt. Der Turm nutzt für seinen quadratischen Unterbau gar noch einen romanischen Vorgänger, geht dann in ein großes Oktogon über, dem in seinem obersten Stockwerk spitzbogige Maßwerköffnungen als Schallfenster eingebaut. Noch schöner das hohe Zeltdach, dessen wiederum acht Flächen mit schwarzem Schiefer gedeckt. In seiner ruhigen Wirkung harmoniert der Schiefer bestens mit dem gelben Sandstein. Als eine wirkliche Besonderheit für badische Kirche schieben sich an vier Ecken Wichhäuser aus der Dachpyramide. Gleichfalls geschiefert, wachsen sie förmlich hervor, zeigen ihrerseits spitze Zeltdächer. So zeichnet das Turmdach eine spannungsvolle mittelalterliche Skulptur, die ganz im Sinne der himmelstrebenden Gotik spitz und weit in die Höhe fährt.

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Auch die Vorderseite gibt eine badische Seltenheit preis: eine gotische Vorhalle, auch Paradies genannt. Breitbeinig und spitz tritt das Vorwerk in die Höhe, kraftvoll und wiederum in der Manier einer Skulptur. Das Paradies sitzt mittig vor der übergiebelten Eingangsseite und führt das Hauptportal hoch und spitzbogig ein. Sehr ansehnlich auch die Maßwerkbrüstung am Übergang zum spitzen Dach. Letzteres aber missfällt als einziger Eintrag, indem nämlich eine moderne Ziegeleindeckung aufgebracht. Glatt und einförmig will man die Ziegel für Kunststoff halten; ein allgemeiner Nachteil des industriell gefertigten Ziegels. Um wie vieles schöner dagegen der historische, der handwerkliche Ziegel, dessen in Form und Farbe immer leicht changierende Elemente stets ein lebendiges Bild gleich dem Blattwerk der Bäume zeichneten! Jeder Ziegel war ein Individuum. Der heutige dagegen, als industrielles Fertigprodukt, bietet nur glatte Gleichförmigkeit, die denn in ihrer verschwendeten Perfektion auch noch an billigen Kunststoff gemahnt.
     Auf zwei Besonderheiten “Unserer Lieben Frau” wurde hingewiesen: Turmdach und Vorhalle. Beide schenken überregionale Bedeutung. Ansonsten darf man jedoch nicht verschweigen, dass das Gotteshaus als Ganzes zahlreiche mittelalterliche Stadtkirchen Badens passieren lassen muss. Das allerdings verweist vor allem auf die allgemeine Qualität badischen Kirchenbaus. Nimmt man dagegen die Stellung der Kirche im Stadtkörper hinzu, so mag das Eppinger Beispiel wiederum manch anderes doch wieder zu überflügeln. Denn wie das an sich schon sehr schöne Dach die gesamte Stadtsilhouette, welche ja ihrerseits leicht ansteigt, trefflich krönt, das zählt freilich unter die allerschönsten Stadtprospekte Badens.
     Im übrigen tritt die Turmspitze auch im Stadtkörper selbst immer wieder in vorzügliche Ansichten mit den Fachwerkbauten — sei zumeist der Ostseite gedacht, wo mit dem Baumannschen Haus eine Ensemblewirkung vom (auch für ganz Baden) feinsten. Die einheitlichen Flächen von Dach und sandsteinernem Glockengeschoss stehen hier wie andernorts in effektvollem Kontrast zum fein- und vielgliedrigen Fachwerk.
     Das Gebäude mit dem so klangvollen und bedeutsamen Namen “Alte Universität” rührt seinen Namen aus den Jahren 1564/65 her, als nämlich ein Teil der Heidelberger Universität vor der in der kurpfälzischen Capitale wütenden Pest nach Eppingen geflohen!
     Für die Alte Universität wie für das Baumannsche Haus gilt, dass zur ergreifenden Schönheit auch eine überregionale Bedeutung tritt, die dieselbe von “Unserer Lieben Frau” noch deutlich übertrifft. Beide Fachwerkerzeugnisse zählen zu den besten Ergebnissen ganz Badens, ja müssen auch in Deutschland als Bürgerbauten nur wenigen Fachwerkbeispielen den Vorzug einräumen. Für Baden und freilich mehr noch für ganz Deutschland gilt fraglos, dass sich viel Gleichwertiges hinzugesellt; Alte Universität und Baumannsches Haus aber sind durch ihre Baumeister in Kategorien erhoben worden, die wohl noch zu variieren, schwer genug aber zu überbieten waren. Beide sind vollendete Zeugnisse der jeweiligen Stilmöglichkeiten, gleichsam Endprodukte. Und freilich auch nicht geringer Ruhm für Eppingen!
     Die Alte Universität präsentiert die Vorzüge gotischen alemannischen Fachwerkbaus: Kraft und Monumentalität; und letztere wird auch noch durch das große Gebäudevolumen — das größte Fachwerkhaus der Stadt — glänzend befördert. Wuchtig steht der Bau an der Altstädter Straße, in tiefen Zügen Mittelalter atmend; rau und kunstvoll zugleich. Das Gebäu wurde 1494/95 zunächst als Kaufhaus errichtet und hält schon in den steinernen Erdgeschossfassaden besonderes bereit, mehrfach nämlich den gotischen Spitzbogen. Der alleine ist unter badischen Stadthäusern nur noch sehr selten zu finden (allerdings handelt es sich um eine Rekonstruktion). Hinzutritt dann auch ein schön profiliertes barockes Portal. Wäge man also auch die ungewöhnliche Zusammenführung ab: alemannisches Fachwerk, Steingotik und Barock — und alles in ansehnlichster Manier ausgeführt!
     Auf das Steingeschoss folgen zwei Fachwerketagen und ein abgewalmtes Dach, das den Giebeln noch zwei Stockwerke aus Fachwerk einräumt. Das hohe und steile Dach trägt dem monumentalen Auftreten nicht wenig zu. Dessen im übrigen wiederum neue Ziegeleindeckung verdankt seinen dem historischen Bilde angenäherten Zustand alleine der vermoosenden und verfärbenden Bewitterung. Die unansehnliche anonymisierende Perfektion des Industrieproduktes schuldet der Natur — das mag angehen; aber freilich unsere Altvorderen hatten dergleichen nicht nötig! 

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Das alemannische Fachwerk weist sich typischerweise durch auskragende Stockwerke nach — welche eine sich nach oben vergrößernde Gebäudeform zeichnen, die ihrerseits wiederum dem monumentalen Ausdruck zuspielt. Das kantige Bild der sichtbaren Balkenköpfe trägt denn ein übriges bei. Auch die weiteren Punkte erweisen sich als signifikant alemannische. Die Fachwerkformationen zeigen weite Ständerabständen (einzige Ausnahme die Gebäudeecke des ersten Fachwerkstocks), und als Ausfachung fungiert der sogenannte "Wilde Mann". Des weiteren charakteristisch das Fehlen jeglicher Schmuckformen — das treffliche Bild wird also alleine von der Funktionalität, der abgebildeten Statik gezeichnet — und die "Verblattung", das sichtbare Eingreifen der vertikalen und schrägen Hölzer in die horizontalen Schwellen. Zu ergänzen schließlich die "Knaggen", welche als lastabtragende Holzkonsolen an den Gebäudeecken und je zweifach in der Mitte der Vorderseite im Fachwerk zu sehen.
     Von gleicher Schönheit und dennoch von einem ganz anderen Bilde das Baumannsche Haus. Rund 100 Jahre später sind aus Wucht und Monumentalität des Mittelalters der Fein- und Verzierungssinn neuerer Zeit, namentlich der Renaissance geworden. Man steht immernoch vor einem Fachwerkbau, die Ausstrahlung aber ist eine signifikant andere. Aus der Gotik ward Renaissance, aus dem alemannischen der fränkische Stil. Obgleich beide Bauwerke zeitlich relative nahe beieinander, so stehen sie dennoch in der jeweiligen Spätphase ihrer Stile. Als die Alte Universität errichtet, ging das Mittelalter ebenso unweigerlich zu Ende, wie die Renaissance beim Bau des Baumannschen Hauses schon die Ablösung durch den von Italien heranziehenden Barock erwartete (welcher dann alleine durch den 30jährigen Krieg noch hinausgezögert wurde).
     Auch das Baumannsche Haus zeigt ein Stein- und zwei Fachwerketagen; bei gleichfalls steilem und hohem Dach als einzig nennenswerte Abweichung den Verzicht auf eine Abwalmung, also spitze Giebel (Satteldach statt Walmdach). Wie die Alte Universität glänzt auch hier bereits die Steinfassade des Erdgeschosses durch stiltypische Details, blieb wie bei Fachwerkhäusern so häufig zu beobachten von verstümmelnden Umbauten des Sockelgeschosses verschont. Als weiteren Reiz schrägt sie die Straßenecke in den gelben Sandstein.
     Das Fachwerk darüber weiß dann schier nicht wohin mit den vielen Zierformen! Typisch für solch reiche Renaissance-Erzeugnisse übersteigt ihr Holzanteil durchaus absurderweise den verputzten Maueranteil — wird also vor lauter Schmuckfreude das ursprüngliche Ansinnen des Fachwerkbaus auf den Kopf gestellt! Man gewahrt unzählige gebogene Bänder: Verstrebungen, Brüstungsständer und Andreaskreuze mit verfeinernden ausgeputzten “Augen”. Gleichfalls häufig zu sichten, die Hauptverstrebung als sogenannter “Fränkischer Mann”. Solcher Verzierung nicht genug, gewahrt man auch noch zahlreiche Schnitzarbeiten, die dem Zierrat steinerner Renaissance-Fassaden nachstreben. Auch sie sind über das gesamte Fachwerk gestreut, mit einem Konzentrationssinne aber für die Straßenecke. Hier fällt auch eine Betonung durch hervortretende Holzrahmungen der Fenster auf. Ja, man stellt sogar eine über die Fassadenecke leitende Wirkung fest (was ansonsten gerne als Erfindung des Modernismus gepriesen wird)!
     Interessanterweise ist dem fränkischen Fachwerk noch ein alemannischer Zug verblieben. Die Stockwerke kragen aus, zeigen die Köpfe der Deckenbalken, außerdem noch Knaggen. Man hat also einen spürbaren alemannischen Einschlag zu bezeugen — alleine das Fachwerk tritt durch die fast unmäßige Zierfreude in solch entschieden fränkischer Manier auf, dass jener fast ganz übertönt wird. Das nüchtern abschätzende Auge aber konstatiert eine das Baumannsche Haus noch stärker individualisierende Vermischung von alemannisch und fränkisch.
      Vielleicht wagt man ja an dieser Stelle und anhand der beiden Beispiele einen Vergleich mit der zweiten Fachwerk-bedeutsamen Stadt Badens: Mosbach, dem “Tor“ zum Odenwald (Wanderungen Band ‘2‘). Hier findet sich auch das schönste Fachwerkbeispiel ganz Badens: das Palmsche Haus, welches — obgleich kaum vorstellbar — das Baumannsche Haus an Schmuckfreude sogar noch übertrifft. Nicht zuletzt ob eines Eckerkers reiht es sich unter die (aller-)schönsten Erzeugnisse auch ganz Deutschlands, noch einen spürbaren Schritt vor das Baumannsche Haus. Dafür aber hat Mosbach der gotischen Wucht und Monumentalität der Alten Universität nichts Gleichrangiges entgegenzusetzen. Mag also jeder für sich selbst die Präferenzen setzen — so denn die Gleichwertigkeit in Frage gestellt wird. Ansonsten aber muss Eppingen das nicht allzu ferne Mosbach, ob des Marktplatzes mit seinem großen Steinrenaissance-Rathaus und der Hauptstraße als einer Via Triumphalis des Fachwerkbaus, schlussendlich doch passieren lassen.

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Um nach “Unserer Lieben Frau”, der Alten Universität und dem Baumannschen Haus nicht vollends abzuschweifen, müssen wir die weiteren sehr ansehnlichen Bauwerke Eppingens durchaus verkürzt darstellen. Beenden wir zunächst die Fachwerkriege. Gewiss sollte man die “Ratsschänke” nennen, die noch der Bauweise des frühen 15. Jahrhunderts anhängt, vermutlich aber in dessen letztem Drittel erbaut ward. Gleichfalls in dieser Zeitperiode entstand ein Firstständerhaus, dem Baumannschen Haus schräg gegenüber. Auch solche Konstruktion ist nicht nur in Eppingen echte Rarität geworden; beeindruckt darüberhinaus durch die mit der Konstruktionsweise einhergehende Glattheit der Fassade, die nämlich auf Stockwerksbetonung der spitzgiebeligen Vorderseite verzichtet. Die nächste ausgewiesene Besonderheit und hohes Alter zeigt ein “Schwebegiebelhaus”, das gleichfalls nahe beim Baumannschen Haus, auch nächst dem Campanile der Stadtkirche. Erbaut wiederum im 15. Jahrhundert (um 1450) zeigt es, dem Mittelalter typisch, rein funktionales Fachwerk, als Außergewöhnliches aber eine der eigentlichen Hauswand vorgelagerte Giebelkonstruktion. Diese ist denn reines Kunstwerk — also ohne statische Notwendigkeit — und bringt die schmale und spitz zulaufende Vorderseite in eine spannungsvolle Fassadenschichtung.
      Auch die nicht ferne Katharinenkapelle kam um 1450 zum Stehen. Man bemerkt eine effektvolle Aufgliederung des Fachwerkanteils in mehrere Baukörper, arrangiert auf hohem Steinsockel. Letzterer weist durch gotische und durchaus kirchentypische Strebepfeiler die einstige Funktion am besten nach.
     Das letzte echt mittelalterliche Fachwerkgebäu der hier hervorgehobenen: das “Ackerbürgerhaus” aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. Auch hier der monumentale und kantige Eindruck alemannischen Fachwerks, wie er bei der Alten Universität schon beschrieben.
     Aus dem folgenden Jahrhundert, dem 16., teils noch dem sehr frühen 17. die weiteren Exempel. Konsequent wie beim Übergang Alte Universität zu Baumannsches Haus auch hier die Vertauschung Mittelalter - Renaissance, alemannisch - fränkisch; zu gewahren denn aber auch hier manche Stilvermischung des Fachwerks. Zu nennen ein altes Kaufmannhaus in der Sankt Petersgasse (erbaut 1552), das “Spechtsche Haus” bei der Alten Universität (letztes Drittel 16. Jahrhundert), ein altes und reich geschmücktes Handwerkerhaus in der Brettener Straße (Ende 16. Jahrhundert), die “Alte Post” am Marktplatz (1515/88) und ein “Erkerhaus” in der Metzgergasse (1601), die beiden letzteren mit wenigen, aber umso edleren Schnitzereien am ohnehin fein gezimmerten Fachwerk.
     Unter den Straßen und Gassen Eppingens gebührt der Sankt Petersgasse der Hauptbeifall — hier tritt das Fachwerk noch in besonderer Reinheit und Ungebrochenheit an den Wegesrand. Gleichfalls sehr schön, stellenweise aber unterbrochen/gestört/vernarbt, die Altstadtstraße, die als ein alter Hauptweg einen langen Bogen durch den Stadtkörper zieht — ungefähr in deren Mitte akzentuiert denn unsere Alte Universität. Auch die auf “Unsere Liebe Frau” zuleitende Badgasse verlangt Anteilnahme — hier steht nämlich das Baumannsche Haus, das Schwebegiebelhaus, die Katharinenkapelle, und neben weiteren Fachwerkköstlichkeiten prunkt vor allem der Campanile.
     Zweifellos ansehnlich auch das ehemalige Tagelöhnergebiet, das “Linsenviertel” im Norden der Altstadt. Freilich hat man hier keine der größten Gebäudeschönheiten — immerhin befinden wir uns im Stadtbereich ehemaliger Tagelöhner — dafür umso anziehendere “Urigkeit”.
    Neben der gotischen Stadtkirche gefallen in der Altstadt noch zwei weitere Nicht-Fachwerk-Gebäude. In trefflichen Kontrast zum fein- und vielgliedrigen Fachwerk gehen gelbsandsteinern der Pfeifferturm und verputzt das Rathaus. Beide zeigen Wucht und Monumentalität. Ersterer als ältestes Bauwerk der Stadt in der Art des Mittelalters, letzteres in der Manier des Weinbrenner-Klassizismus.


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Der Pfeifferturm wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts mit staufischen Buckelquadern als Wehrturm neben einem der Stadttore ausgeführt. Heutigentags aber überrascht er nicht wie zu erwarten am Rande, sondern mitten in der Altstadt. Wie kam es zu solch sehr selten gewordener Konstellation? Der Turm sicherte die erste Stadtmauer des spätestens seit 1188 befestigten staufischen Eppingen. 985 erstmals urkundlich nachweisbar kamen 1191/92 die Stadtrechte. Damit aber war die mittelalterliche Stadtentwicklung des schon von 1219 bis 1463 markgräflich-badischen Ortes keineswegs abgeschlossen. Als man nämlich ab 1463 bis zum neuerlichen Übergang an Baden 1803 kurpfälzisch geworden, dabei die hinter Bretten und Heidelsheim südlichste Stadt der stadtreichen Kurpfalz machte, da endlich erschien auch die Stadterweiterung geboten. So ward also Eppingen nach Süden und Westen erweitert, und der Pfeifferturm fand sich plötzlich nicht mehr am Rand, sondern inmitten der Stadtanlage wieder. Er ist zweifellos das wichtigste und reizvollste Artefakt der alten Befestigung, die ansonsten immerhin noch um längere Stadtmauerreste weiß. Während aber der Stadtmauer alle Türme und Tore geraubt, war der Pfeifferturm inmitten der Stadt offenkundig in größerer Sicherheit! Freilich spielte das die Türme und Tore, die Mauern allzumal so seltsam verachtende frühe und mittlere 19. Jahrhundert auch ihm manchen "Streich". Ein sehr schöner Fachwerkaufsatz und das spitze Dach, wie es Merian auf seinem Stich aus dem 17. Jahrhundert so effektvoll zeichnete, wurden gegen eine durchaus ansehnliche, im Vergleich aber deutlich ärmere Haube vertauscht. Auch brach man mehrere Fenster durch die Wände. Und man riss das bis dato gleichfalls fortbestehende Stadttor in tiefster Phantasielosigkeit einfach ab.
     Immer wieder steht man staunend, ja irritiert vor solcher Abbruchwut des 19. Jahrhunderts, die überall in Baden die Städte ihrer turmreichen Silhouetten beraubte, auch wertvollste Stadttore nur als wiederzuverwertendes Abbruchmaterial erachtete. Aber kaum ein Verfall kommt urplötzlich, gleichsam aus dem Nichts. Vielmehr beobachtet jeder nur halbwegs aufmerksame Geist stets Vorzeichen. Und als dann das folgende, das 20. Jahrhundert, namentlich der Modernismus die historische Baukunst als belanglosen historischen Ballast diffamieren und damit die Jahrtausende gültigen Regeln für Architektur und Städtebau erstaunlich leicht über Bord werfen konnte, ja da hatte das 19. Jahrhundert schon beste Vorarbeit geleistet. Neben jener merkwürdigen Geringschätzung der mittelalterlichen Artefakte auch durch die fast grenzenlose Profanisierung der historischen Stile im allzu billig und erfolglos kopierenden Stil des Historismus. Als dann die intelligenten und scharfen Charaktere Le Corbusier, Walter Gropius und Mies van Rohe in den frühen 1920ern als Hauptvertreter des "Neuen Bauens" so kompromisslos und im Stil der Zeit mit revolutionärem Pathos auftraten, da hatten sie im Grunde nur noch Scherben wegzukehren. Die erstorbene Baukunst harrte einzig der offiziellen Beerdigung, welche denn in der Gestalt rein funktionalistischer Dogmen die Sargträger erkannte.
     Doch zurück nach Eppingen, wo man immerhin den Pfeifferturm, weil der noch als Gefängnis zu gebrauchen, am Leben ließ. 
     Wenn man also das 19. Jahrhundert als ein Jahrhundert des Übergangs bezeichnen will, dann wird man hier insbesondere in dessen erstem Abschnitt noch genug architektonische Qualität einräumen. Und davon kann man sich auch in Eppingen, namentlich dank des Rathauses überzeugen. Dieses erbaute einer der talentiertesten Schüler des großen Friedrich Weinbrenner, August Schwarz, in den Jahren 1823/24. Welch’ Monumentalität gibt der gewaltige Klotz dem Marktplatz ein! Insbesondere der extraordinäre Mittelrisalit, gleichsam kraftstrotzend mit seinen unbotmäßigen Pfeilern, einen schweren Dreiecksgiebel hievend, verdient Beachtung. Das Eppinger Rathaus kann getrost unter die beeindruckendsten Beispiele des badischen Klassizismus gerechnet werden (siehe hierzu auch den Artikel unter “Im Stile Weinbrenners”).

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In solcher Auffälligkeit dominiert das Gebäu auch den größten und schönsten Platz der Stadt. Zu unserer “großen Überraschung” ergänzen auch hier Fachwerkhäuser, ferner gerade noch ansehnliche Beispiele des oben gescholtenen Historismus. Sehr bereichernd lugt denn auch noch der Pfeifferturm herein.
    Was allerdings der Wirkung dieses Platzes sehr abträglich, ist eine breite durchführende Straße, die also den Stadtraum sehr ungünstig durchschneidet. Des weiteren wünschte man sich den Platzraum kleiner, respektive eine höhere Geschosszahl der säumenden Bauwerke — kurzum eine gefälligere Raumproportion. Zweifellos hat der Marktplatz seine Qualitäten; alleine es weisen dieselben im Unterschied zu anderen Merkmalen, vor allem zur Fachwerkherrlichkeit, nicht über die Stadt hinaus, nicht in eine überregionale Bedeutung hinein.
     Die Eppinger machen sich viel Mühe um ihre fachwerkprächtige Altstadt. Überall findet man informative Täfelchen, die auch ich seinerzeit gerne studierte — wie im übrigen auch die eigens in einem Park aufgestellten Fachwerkformationen, die die Stilmerkmale leicht begreiflich machen. Man hat den großen Wert der so merkwürdig verschonten Altstadt vollkommen begriffen, was denn auch für die Zukunft Aufmerksamkeit verheißt. Wir leben in der Baukunst feindlichen Zeiten und so muss das Erhaltene immer wieder neu erstritten und gesichert werden. Alleine das Denkmalbewusstsein hat unsere historischen Zeugnisse vor dem Zugriff des Modernismus bewahrt. Er selbst hält noch heutigentags und für alle seine Zukunft die historische Baukunst nur für Ballast, der aufwendig unterhalten werden muss — um wie vieles funktionaler und kostengünstiger (und geistloser!) ist da doch angeblich immer der Neubau! Für unsere Altstädte gilt, dass sie vorerst dem “zeitgenössischen Bauen” entzogen — immerhin haben wir ja die offenkundigen Fehlleistungen des Modernismus in den Vorstädten bestens vor Augen. Doch halte man solches Arrangement nur für einen (von Seiten des Modernismus zähneknirschenden) Waffenstillstand! Es wird dem Modernismus niemals an unzähligen “Baumeistern” fehlen, die im Brusttone der Überzeugung ihre Leistungen über denen der Erschaffer der Alten Universität und des Baumannschen Hauses ansiedeln. Hinter vorgehaltener Hand gelten solche Werke wie ehedem als banaler und unfunktionaler “Kitsch“. Wie gerne würde man doch solchen “Holzquatsch” gegen saubere Glasflächen eintauschen. Wie viele modernistische Planer stünden für solch einen Schelmenstreich bereit! Die Baukunst kommt nach dem 20. Jahrhundert auch im frühen 21. weiterhin nicht aus der Hand des Architekten — sie muss vielmehr gegen dieselbe verteidigt werden; verteidigt werden von Bürgern mit Geschichtsbewusstsein und einem unverdorbenen Blick auf tatsächliche, nicht nur rhetorisch beflügelte Ästhetik.
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[1] Scruton, Roger: Kant, Herder/Spektrum, S.115 (Kritik der Urteilskraft)
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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Jahreszahlen; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage der Stadt Eppingen 
www.eppingen.de
4) Website des Historischen Vereins Eppingen  www.heimatfreunde-eppingen.de
5) Informationstafeln vor Ort
6) Kupferstich und Stadtbeschreibung Matthäus Merians aus "Palatinatus Rheni" (um 1645 entstanden, siehe oben)

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