Baukunst in Baden
  Hirschhorn Amthaus (02)
 



ein Bild
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Altes Amthaus (heute Museum) in Hirschhorn am Neckar, Hessen   /   1806

Unmittelbar vor der schönen, noch von trutzigen Befestigungsmauern gefassten Altstadt Hirschhorns liegt dieses noble Amthaus ganz im Stile Weinbrenners. Hirschhorn selbst liegt in einer geradezu handförmigen Landzunge, die als "freches Haschen" nach dem Neckar tief in badische Lande hineingreift. Es verwundert kaum in solcher Gegend auf ganz typischen Weinbrenner-Klassizismus zu treffen, auch wenn Hirschhorn selbst (noch heute) zu hessischem Hoheitsgebiet zählt. Der Entwurf legt jedenfalls sehr nahe hier einen Weinbrenner-Schüler als Baumeister zu vermuten.
     Das Amthaus gewinnt zunächst durch seine spannende Geste, sich entwickelnd zwischen dem emporstrebenden Mittelrisalit und dem restlichen kubischen Gebäudevolumen, welche ersteren geschickt einzubinden weiß. Die mittlere Partie tritt symmetrisch und kraftvoll in die Höhe; gegenüber den Seitenabschnitten erhöht, durchstößt sie das Dachgesims und findet im fein gearbeiteten Dreiecksgiebel den würdevollen Abschluss.
     Der Hauptkörper dagegen verpflichtet sich der horizontalen Wirkkraft — zwei breite Gesimsbänder und das durch Balkenköpfe plastisch geformte Dachgesims stehen in Verantwortung. Eben jene Stilmittel sorgen gleichfalls für die Einbindung des vertikal widerstrebenden Mittelrisalits; so liegen die Gesimsbänder verkröpft wie Schnüre an. Einzig der markante Dachrand vermag nicht standzuhalten, kann dem Risalit an den Ränder aber noch packen, wodurch sich die Durchdringungsgestalt in Vollendung darstellt.
     Aber der Architekt vermochte noch mehr, aus der kraftvollen wuchtigen Baukörperkonzeption entstand durch fein abgestimmte Detailarbeit eine zugleich elegante. Gelungen zeigt sich die symmetrische Treppenanlage, die in gefälliger Proportion, diesen in seiner Bedeutung steigernd, auf den Mittelrisalit bezogen wurde. Dabei erzielt die sandsteinerne Oberfläche einen erfrischenden Kontrast zum Verputz des Gebäudes und das filigrane Eisengeländer zum wuchtigen Baukörper.
     Gelungen auch der Eingang: zwei stämmige Eckpilaster stemmen mehrere Balkenlagen in die Höhe, deren oberste als Verkröpfung des Gesimsbandes auffallen.
     Schön gibt sich auch der Dreiecksgiebel, zu dessen vielleicht auffälligstes Merkmal der ungewöhnlich fein ornamentierte Schmuckfries wurde. Schließlich setzt ein kleines Rundfenster einen bildhaften Akzent.
     Bemerkenswert endlich die Fensterrahmungen des zweigeschossigen Piano Nobile, die eigentlich bis auf die schweren Fensterbänke entfallen; zur weiteren Betonung der Mittelpartie sind diese nur hier wie im Stile Weinbrenners häufig zu sichten kaskadenartig nach innen gearbeitet.
     Das ehemalige Amthaus Hirschhorns führt nochmals vor Augen, wie trotz einfacher Gestik und sparsamer Details Eleganz und Ausdrucksstärke entstehen.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Website
www.hirschhorn.de
; Entstehungszeit 1806, Baumeister nicht genannt


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