Baukunst in Baden
  Landvilla Schombg. (22)
 

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Schloss Schomberg bei Eppingen (Landkreis Heilbronn)   /   August Schwarz   /   1820-23

Badens Rotonda! Vorangehende Archivarbeit verschmähte der Autor — es galt ohnehin die sämtlichen Städte Badens und ein gerüttet Maß an Dörfern zu erkunden. Warum also vorab die Bauwerke im Stile Weinbrenners ausmachen? Nein, viel lieber war mir, immer wieder auf's neue von trefflichen Bauwerken dieses badischen Stiles schlechthin überrascht zu werden! Nirgendwo aber ward das Erstaunen von solcher Größe wie bei der nunmehr vorzustellenden Landvilla Schomberg (man nennt sie auch Schloss, was aus Autorensicht ein wenig über's Ziel hinaus).
     Eigentlich befand ich mich in unmittelbarer Nähe Eppingens auf dem Wege zur Burgruine Streichenberg, als plötzlich jenes Werk gesichtet ward, das nach kurzer Betrachtung diesen Ausruf förmlich die Lippen zwang: Badens Rotonda!
     Wahrlich, Friedrich Weinbrenner eiferte einige Male dem Renaissance-Giganten Andrea Palladio nach und erzielte mit den Landvillen zu Rotenfels und Bauschlott und zumeist mit dem Palais für die Markgräfin Friedrich vortreffliche Ergebnisse für auf Landschaften bezogene Villen (sie vor allem machten Palladio berühmt). Ja im Falle des letzteren darf man auch von einer sehr gelungenen, aber zweifellos auch sehr freien Interpretation von Palladios Rotonda sprechen. Was aber in der Nähe Eppingen zu sichten kommt der Inkunabel Palladios wesentlich näher, ja darf geradezu als Übersetzung des italienischen Vorbildes in badische Verhältnisse gefeiert werden. Und das ist lustig genug!
     Eines nämlich muss man sich vorneweg aus dem Kopfe schlagen. Nämlich in der Nähe Eppingens ein ähnlich überragendes Bauwerk zu finden wie in der Nähe Vicenzas. Zweifellos stehen wir auch in des ersten Fall vor einem trefflichen Stück Baukunst, mit Palladios Geniestreich aber kann es sich keineswegs messen. Wie gesagt, es fand eine Übertragung statt — aber nicht nur eine Übertragung von der Republik Venedig nach dem Großherzogtum Baden, sondern auch eine Übertragung von einem Reichtum der Verhältnisse in, man darf nicht sagen ärmliche, aber zweifellos in deutlich bescheidenere.
     Darin aber, für den einen oder anderen vielleicht unvermutet, lag auch eine echte Chance. Denn auf diese Weise kamen die Möglichkeiten des Weinbrenner-Stiles — der ohnehin nur in den seltensten Fällen aus dem Vollen finanzieller Möglichkeiten schöpfen durfte, Baden nämlich ward nach dem unaufhörlichen Drangsal mit und wider Napoleon ausgeblutet wie nur was — geradezu in Reinform zur Geltung (oder schöner: zur Blüte). Und solches nun, der aufmerksame Leser weiß es schon im Schlafe, bedeutete die Wirkung reiner Baukörper.

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Rufen wir uns aber, der Form halber, zunächst das große Vorbild noch mal ins Gedächtnis. Palladios La Rotonda. Auf einer Anhöhe nahe Vicenza erhebt sich majestätisch ein veritabler Block, die umgebende Landschaft dominierend. Er wird bekrönt von einer Kuppel, welche abweichend von der Entwurfszeichnung leider zumindest nicht von der möglichen Wirkung. Die entscheidende Veredelung des quadratischen Baukörpers leisten auf vortrefflichste Weise vier identische Säulen-Portikusse, einer für jede Seite. Das Ergebnis: vier überaus edle Vorderseite(!) und La Rotonda sieht, egal von welcher Himmelsrichtung geblickt, immer gleich aus. Dessen Ergebnis: ein Bild höchster Majestät — denn egal, von welcher Seite man sich nähert, immer blickt einem das Gebäude mit seinem Gesicht (einer Vorderseite) an. Neben der überragenden Schönheit empfängt man den Eindruck, als würde das Gebäude alles "sehen", was ihm denn billig den Ausdruck von Souveränität und Erhabenheit einträgt.
     Weinbrenner-Schüler August Schwarz, beeindruckt, wie so viele Baumeister in jenen Tagen,  zumeist von den Leistungen der Antike, aber auch der Umsetzung/Interpretation derselben im 16. Jahrhundert durch Andrea Palladio, machte sich also auf den venezianischen Hochglanz der Rotonda in badische Realitäten zu überführen.
     Und Palladio stand trefflich Pate, fast als hätte er 2einhalb Jahrhunderte zuvor schon an die schmalen badischen Geldbeutel gedacht. Denn ein entscheidender Grundzug konnte eins zu eins übernommen werden: mächtiger Block in freier Landschaft. Das zur Verfügung stehende Grundstück, wenngleich nicht von der Brillanz den venezianischen Vorbildes, fand sich in sehr schöner freier Landschaft und zumindest nach einer Richtung in leichte Höhen begebend. Und der mächtige, schmucklose Block, nun wer den nicht bezahlen kann, sollte tunlichst keinen Baumeister herbeirufen.
     Gesagt (herbeigerufen) — getan: ein quadratischer Block aus Sockelgeschoss, einem zweistöckigen Piano Nobile, Mezzaningeschoss und Zeltdach. Bei ungefähr gleicher Gesamthöhe eine Piano Nobile-Etage mehr als La Rotonda. Dafür zeigt letztere, obgleich gleichfalls sehr diszipliniert, mehr Fassadenschmuck. Unser Block dagegen verzichtet ganz, bringt aber in den Fensterrahmungen, genauer in denen des Piano Nobile feine Profilierung und ohrartige Ausladung an den jeweils oberen Enden, was schön anzusehen und für den Weinbrenner-Klassizismus das Höchstmaß an Bearbeitungstiefe für Fenstergewände bedeutet.
     Die eigentlichen Schwierigkeiten begannen auch erst noch. Zunächst die Dachkuppel. Nun, man wollte sie schon — erst recht weil ein zentraler Treppenraum zu belichten und auch zu betonen geboten. Statt einer Kuppel kam aber nur eine leichte Erhöhung des Daches (der Spitze des Zeltdaches), welche ihrerseits von ein kleinen Glaspyramide abgeschlossen wurde. Die Betonung des Gebäudezentrums fällt also deutlich kleiner aus, aber sie findet (zumindest aus einiger Entfernung) sichtbar statt — und überdies in für die Gesamterscheinung gefälliger Manier. Ein milder Geist zumindest lässt das ohne weiteres durchgehen.

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Dann die Säulen-Portikusse. Wollte man den Rotonda-Gedanken nicht aufgeben, so waren sie zwingend! Aber vier feine Dreiecksgiebel auf jeweils sechs feine ionische Säulen — da hätte sogar der Großherzog brüskiert geblickt. Nein, das war nimmer drin! Aber gleichzeitig dem Weinbrenner-Stil nimmer ein Problem! Er lies walten, was er in solchen Fällen immer walten lies: Mittelrisalite, die als reine Massenbewegung kraftvoll nach vorne streben. Das war's!
     Wo also Palladios Rotonda auf den reizvollen Kontrast mächtiger Baukörper — zierliche Säulen-Portikusse setzen konnte (oder besser durfte), da schwappten nahe Eppingen Schwarzes Baumassen wuchtig vor und zurück. In beiden Fällen, und das ja das entscheidende, auf allen vier Seiten (oder beinahe allen vier Seiten — sic!). Was also dem palladianischen Entwurf der Kontrast und freilich auch der Feinsinn, das wurde, transferiert nach Baden, transferiert in den Weinbrenner-Stil die alleinige Wirkung von Baukörpern, ein umso wuchtigerer Ausdruck. Natürlich kommt unter dem Strich alles bescheidener und das Landhaus Schomberg mag noch so "strotzen", es schafft's nimmer in den Almanach der Weltarchitektur. Dennoch aber (und erst recht als Badener) — darüber darf man schon einmal in die Hände klatschen!
     Aber, O weh! Ein wirkliches Ungemach bleibt nicht erspart — das kleine "sic!" deutete es schon an. Wir zählen die wuchtigen, die Säulen-Portikusse ersetzenden Mittelrisalite: eins ... zwei ... drei ... v... — die vier erstirbt uns auf den Lippen. Wir stehen ausgerechnet vor der Eingangseite, und die ist, salopp gesagt, glatt wie ein Babypopo! Wo nur ist der erwartete, der von Sekunde zu Sekunde mehr begehrte Mittelrisalit? Er existiert nicht, ja, man war so in den Rotonda-Gedanken versunken, dass es den Anschein nimmt, als sei er mit glattem Schnitt abgetrennt worden.
     So stehe ich konsterniert vor der riesigen, glatten Fläche der Vorderseite. Gedankenversunken. Nichtsdestotrotz, sie ist keineswegs hässlich — ja, nachdem man drei Mittelrisalite "getankt" hat, besitzt sie sogar etwas Erfrischendes. Ich laufe vor und zurück, immer die große, glatte Fläche, rhythmisiert von sieben Öffnungsachsen vor Augen. Und je mehr ich sie verinnerliche, desto weniger will sie mir Schaden sein. Schwarz hatte La Rotonda genau vor Augen und jeder baukunstkundige Besucher gewinnt recht schnell gleichfalls diesen Eindruck. Warum also, aus Sicht des Entwerfers, die letzteren nicht ein wenig "kitzeln", aufmerksam machen — beim Autoren jedenfalls hat's ohne weiteres funktioniert. Und die Idee hat gewiss etwas für sich: den Mittelrisalit ausgerechnet für den Eingang, für den Eintritt in das große Gebäudevolumen "aus dem Weg zu räumen". Man kann hier sicher ein Lob aussprechen, aber, Hand auf's Herz, der vierte Mittelrisalit wäre mir persönlich denn doch lieber gewesen.

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August Schwarz also gab die Idee der identischen Ansichten auf, ein Zug der sich auch für die Seitenfassaden fortsetzte. Hier besitzen die ansonsten gleichen Mittelrisalite statt Türen und Freitreppen "nur" Fenster im Erdgeschoss, auch sind die seitlich angrenzenden Fassadenpartien des Hauptbaukörpers beinahe gänzlich ohne Öffnungen, was den Ausdruck einer regelrechten Bulligkeit gewinnt. Aber trotz dieser Unterschiede fasst man die drei Risalit-Fassaden ohne weiteres zusammen, eben weil die Risalite "beinahe" identisch sind und ob der ungebrochenen Gültigkeit der formalen Grundidee.
     Folgerichtig für den von Schwarz eingeschlagenen Weg ist die Gartenseite die edelste. Aber beachte man den Mittelrisalit: nicht einmal hier waren Säulen möglich — statt dessen werten im Erdgeschoss wenigstens Kämpfergesimse die Wandpartien in Richtung Pfeiler auf. Nichtsdestotrotz zeichnet die Gartenseite ein vorzügliches Bild, vielleicht gerade ob jener auf Sparzwang beruhenden Homogenität. In Verbindung mit einer weitläufigen Parkanlage gewinnt sie eines der schönsten Prospekte des Weinbrenner-Klassizismus und damit ganz allgemein des Klassizismus in Deutschland.
     Denken wir noch den Mittelrisalit zu Ende. Er wird von drei Öffnungsachsen rhythmisiert, welche im Erdgeschoss also drei rundbogige Türen erlauben (eine schöne Freitreppe läuft auf dieselben zu). Das zweite Piano Nobile-Stockwerk verzeichnet Balkenverdachungen auf Rollwerkkonsolen, hebt also diese Fenster gegenüber den schmucklosen des Hauptbaukörpers hervor. Letzteres, für den ganzen Risalit geltend, schaffen auch zwei Gesimsbänder über den Türen. Fehlt noch das Mezzaningeschoss, wie immer der Fassade wohltuend, deutlich niedriger. Dann ein Würdezeichen, auf welches glücklicherweise nicht verzichtet wurde: der Dreiecksgiebel. Zwar auch er eher bescheiden, ohne einführendes Gebälk, aber immerhin belebt von einem Halbkreis-Fenster. Der Balkenkopfkranz, welchem der Giebel aufsitzt ist unbedingt erwähnenswert, denn dieser gilt auf gleicher Höhe auch für den Hauptkörper, will heißen er läuft um das gesamt Gebäude und bindet auf diese Weise die drei Mittelrisalite auf angenehme Art ein.

Das ist sie, Badens Rotonda. Badisch-bescheiden (dem einen oder anderen, vor allem dem Schinkel-Freund gewiss zu bescheiden), aber in entschiedener Mühe durch die Mittel Weinbrenners — kraftvolle Monumentalität, Wuchtigkeit der Baukörper — das Defizit finanzieller Möglichkeiten auf baukünstlerische Weise wett zu machen.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Wundram, Pape, Marton "Andrea Palladio", Benedikt Taschen Verlag Köln, 1999
4) Website  
www.burgeninventar.de 

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