Baukunst in Baden
  Münchweier Kirche (10)
 



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Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz in Münchweier (Ettenheim, Landkreis Ortenau)   /   Hans Voss   /   1828-29

Auf dem Wege zur prächtigen barocken Wallfahrtskirche Sankt Landelin in Ettenheimmünster begegnet man in der vorangehenden Ortschaft Münchweier einer Kirche ganz anderer aber gleichfalls erfreuender Prägung.
     Und welch' Situierung — weiß bleckt die klassizistische Kirche zwischen barocken Fachwerkhäusern hervor!  Die weißen glatten Flächen stehen in wunderbarstem Kontrast zum detailreichen feingliedrigen Fachwerk —  Münchweier, glücklich bergauf gestaffelt und bekrönt von Voss' Gotteshaus. Diese Hanglage hat eine die Gesamtwirkung nochmals steigernde, direkt auf den Eingang des Gotteshauses zielende breite Freitreppe zur Folge.
     Die Kirche selbst folgt dem nunmehr bekannten primären Grundtyp. Ein zurückhaltend gestaltetes Kirchenschiff rechteckiger Grundfigur, gedeckt von einfachem Satteldache, den Schmalseiten Dreiecksgiebel moderater Neigung gestattend, lässt das notwendige Tageslicht über lange tiefe Rundbogen-Fenster einfallen. Letztere sind hier nicht bis zum Boden geführt, sondern in Gestalt einer definierten Lochfassade, welche die körperhafte Ausstrahlung des Kirchenschiffes weiter betont.
     Die eigentliche architektonische Aufmerksamkeit gilt freilich dem Kirchturm, mittig in die Eingangsseite des Schiffes "eingesteckt", symmetrisch und dergestalt, dass er nun die Aufgaben des Haupteinganges wahrzunehmen hat. Der Kirchturm gefällt ferner durch eine lebendige Ausführung, folgt sauber dem bewährten Prinzip der Zweiteilung in Kirchturm-Korpus und Kirchturm-Spitze, und bietet darin ob guter Wahl und Anordnung der Öffnungen ein reizvolles Bild.

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Für den Eingang wird eine breite Nische freigemacht, in welcher zwei mächtige Pilaster, einen Balken mit Rundbogen tragend, wie frei eingestellt scheinen. Darüber folgt ein Rundbogenfenster mit gerne gesehenen Kapitellstreifen (Kämpfergesims), die sich stets bemühen einfachen Mauerabschnitten Pfeilerwürde einzuhauchen. Die nächste Öffnung ist eine dreiteilige mit kleinen Rundbögen und wiederum das Pfeilermotiv in zum Teil variierter Form aufgreifend. Die dann nur wenig heraustretende Balustrade (mit filigranem Eisengeländer) wird von Rollwerk-Konsolen getragen. Endlich die Spitze des Turmes; auch hier bilden rote Sandsteinglieder einen feinen Kontrast zum weißen Verputz. Die vier Schallöffnungen entstehen im Abstand von je zwei quadratischen Pfeilern, einen Balken tragend, die zusammen mit dem rundbogigen Abschnitt darüber nischenartig eingerückt sind, aus den eigentlichen Ecken der Turmspitze vier mächtige Pilaster herausschälend. Das Dach gefällt sich wie immer in geknickter Zeltform, bekrönt vom leuchtenden goldenen Kreuze.
    Schließlich noch ungewöhnliches. Der kleine Part des Kirchenschiffes, der die Seitenwände des Turmes berührt kommt in Höhen- und Breitenausbildung ein wenig kleiner als das Gros des Kirchenschiffes und gerät so zu einer Art Vorbau; auch nicht alltäglich, die Pilasterordnung, die nur diesen (kleinen) Teil des Schiffes gliedert, ihm einen konstruktiven Charakter verleiht (diese Art des Pilastereinsatzes begegnet in variierender Form auch an der Kirche zu Kürzell, Sammlung '1', Nummer 14). Eine überaus interessante Gestaltungsidee!
     Zusammen mit dem Gotteshäusern in Kürzell und in Kappel (ebenfalls Sammlung '1') hat Hans Voss hier seine beste Entwurfsleistung abgelget. Die Münchweierer Kirche darf darüber zu den reifsten Leistungen des Klassizismus in Baden gerechnet werden. Und in Verbindung mit den Fachwerkhäusern erblickt man hier eines der schönsten architektonischen Bilder dieses Landes!
     In direkter Nachbarschaft steht überdies ein Pfarrhaus des Jahres 1810, also rund zwei Jahrzehnte vorher den klassizistischen Stil hier einführend. Zum zweistöckigen, durchaus imposant wirkenden Hauptbau gehört ein kleines Nebengebäude, das einen Dreiecksgiebel und zwei kraftvolle Pilaster bereithält. Man mag sich leicht ausmalen, dass die beiden Bauwerke mit dem Gotteshaus ein sehr reizvolles Ensemble zeichnen, als kleine klassizistische Welt einmal mehr von kontrapostischer Wirkung zur Fachwerk-Hegemonie des nicht kleinen Dorfes auf dem Wege zu Sankt Landelin.

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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Vorort-Betrachtung des Gebäudes
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Hubert Kewitz "Der Weinbrenner-Schüler Johann (Hans) Voß", Artikel aus "Geroldsecker Land" 1974, Heft 16, S. 89-103
4) Informationstafeln vor Ort

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