Baukunst in Baden
  Minneburg
 

Die Minneburg gegenüber Neckargerach (einem einst malerischen Fischerdorf, welches heute aber typischerweise unansehnlich ausgeufert), wie jener Ortsname billig andeutet also am (tatsächlich über) dem Neckar thronend, lässt sich bestens erfassen von Süden kommend, aus Richtung Mosbach. Von unten betrachtet scheint sie die Spitze "ihres" Höhenzuges zu erklimmen, und in der Tat kann dieser rückwärtig nur noch wenige Meter hinzugewinnen — der entscheidende und nicht geringe Höhenversatz zum Neckar gelingt auf kürzester Strecke: die Minneburg bekrönt einen steil aufstrebenden Berghang.
     Mein erster Besuch fällt noch in Kindergarten-Tage; seinerzeit musste man zum Neckar-Übertritt noch eine Fähre zu Hilfe nehmen. Ein, zwei weitere Besuche entfielen auf die frühe Schulzeit. Die Minneburg, deren Name mir schon damals seltsam in den Ohren klang, hatte vor allem etwas Geheimnisvolles; aber das ist ja kaum verwunderlich — eine echte "Ritterburg" zu durchrennen, als glücklichste Bühne für Fangen und Verstecken; dann jene Momente des Innehaltens und Rätselns über die hochaufragenden Mauern, die zertrümmerten Bauten und Türme, die ihre Geheimnisse nur der Phantasie preisgaben. Welch' Leckerbissen von einem Ort!
     Geradezu ein schlechtes Gewissen entbreitete sich, als ich mir bewusst machte, dass mein letzter Besuch fast 20 zurücklag. Noch stehe ich auf der anderen Neckarseite, recke den Hals zur ersten Examination. Und ich werde erfreut, sie ist tatsächlich etwas Besonderes, die Minneburg — denn zweierlei fällt sofort auf: zum einen, dass noch viel erhalten und zum anderen die Homogenität der Anlage. Letzteres hat sie wiederum Zwiefachem zu verdanken, wir gehen darauf ein, nach Erklimmung nach Berghanges. Ich wähle bewusst den Steilweg, er ist durchaus nicht ungefährlich — aber die Kindheitserinnerungen haben Abenteuerlust geweckt. Und das passte ausgezeichnet, denn recht schnell und mitten in die Anstrengung platzend streckt sich die Burg entgegen — der gut erhaltene (freilich auch ruinöse) Palas ward sichtbar.
     Was heute noch zu gewahren entstammt neben dem 13. Jahrhundert vor allem der Blütezeit ab 1521 unter Wilhelm von Habern. Er lies die Zwingermauern mit den mächtigen Eckbastionen um die polygonale Burg (grob: längliches, unregelmäßiges Fünfeck) errichten und gab auch dem Palas ein treffliches neues Aussehen im Stile der Renaissance. Auch durften denn Halsgraben und Zugbrücke nicht fehlen. Nach Abschluss der Modernisierung stand eine beeindruckende Veste. Wilhelm von Habern war Lehensträger der Kurpfalz, welche die vermutlich im 12. Jahrhundert entstandene Burg bis auf ein kurzes Interregnum seit 1349 im Besitz hatte. Nach seinem Tode ging sie wiederum direkt an die Kurpfalz, aber auch ihrem langsamen aber sicherem Ende entgegen. Alles begann, niemanden verwundert's, im 30jährigen Krieg: französische Truppen in deutlicher Übermacht eroberten und demolierten. Was stehen blieb wurde dennoch weitergenutzt, bis sich endlich, 1803 nach dem Übergang der Kurpfalz an Baden, keine Funktionen mehr fanden und die Burg nach und nach verfiel. Eine traurige Entwicklung, der erst die 100 Jahre später wiederentdeckende Burgenromantik ein Ende setzte — seither wird immer wieder saniert, so auch im 21. Jahrhundert.

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Mag sie auch ihre VORBURG bis auf wenig interessante Grundmauern verloren haben, die HAUPTBURG darf sich leicht eine Augenweide nennen. Sie trifft genau den schmalen Grad des ruinösen Reizes — es ist weder zuwenig abgegangen, noch zuviel. Die Minneburg ist weder ein Schloss mit wenigen ruinösen Partien, noch ein nur archäologische Triebe befriedigender Steinhaufen. Sie trifft die genaue Mitte und darf nicht nur deshalb als eine der schönsten Burgruinen des Neckartales gelten; ein Ruf übrigens, dem sie als beliebtes Ausflugsziel vollauf gerecht wird.
     Am meisten beeindruckt der schlossartig ausgebaute PALAS. Er besitzt noch eine Vielzahl Renaissance-Details: sehr schön der Treppenturm im Burghof und geradezu aufreizend der über drei Geschosse reichende Erker der Vorderseite. Zusammen mit dem dreieckigen Giebel kürt er die weithin sichtbare Vorderseite zum Wahrzeichen der Minneburg.
     Auch die in ihrer Höhe gut erhaltene ZWINGERMAUER mit den runden ECKBASTIONEN gefällt sehr — ihr verdankt die Burg den noch bestens erfassbaren wehrhaften Charakter. Dank der gleichfalls passablen MANTELMAUER (13. Jahrhundert) lässt es sich trefflich über den Zwinger flanieren, wo man interessante Einblicke in die Rundbastionen erhält. Der BURGHOF erzählt trotz Gebäude-Abgangs immer noch von mittelalterlicher Enge; dicht beieinander der Palas, der KÜCHENBAU und der Bergfried. Endlich also der Bergfried, ich tue ihm so spät Erwähnung, weil er das meiste seiner Höhe verloren hat.
     Wo sonst dem BERGFRIED ob seiner alles überragenden Höhe die optische Dominanz zukommt, fügt sich das Minneburger Exempel geradezu harmonisch ein. Er nimmt weiterhin nicht geringen Einfluss auf die Gestalt der Burg, aber er führt nicht an — das ist letztlich auch das Geheimnis hinter der eingangs festgestellten Homogenität der Anlage. Der gut erhaltene Palas und der geschrumpfte Bergfried besitzen beinahe die gleiche Höhe, auch (von unten gesehen) der rechte Rundturm fällt nicht dramatisch ab, und schließlich ergänzen auf gleichem Niveau die in der Anlage gewachsenen Bäume. Wichtig dabei auch, wiederum vom Neckar aus betrachtet, dass die hohe Zwingermauer genannte Partien zusammenfassend aus dem wuchernden Grün in die Höhe hält. Die gewohnte Hegemonie der Bergfriede hat natürlich nichts Bedauernswertes, umso mehr aber fallen Ausnahmen wie die Minneburg ins Auge — eine "gelungene" Variation des ruinösen Themas.
     Bleibt noch der seltsame Name. Er ist so seltsam, dass er kaum anderem als einer Sage entspringen kann. Minna von Horneck, ein unglückliches Burgfräulein auf Burg Hornberg, versprochen dem Grafen von Schwarzenberg (Burg Dilsberg), liebend aber den armen und gar den Kreuzzug wagenden Ritter Edelmut von Ehrenberg. In ihrer Verzweiflung flüchtete sie sich hier in eine Höhle, mehr bangend als hoffend. Der edle Ritter aber überlebte die schweren Kämpfe und kehrte tatsächlich zurück. Da jedoch war es schon zu spät, das unglückliche Burgfräulein lag im Sterben. Nur ein Letztes ist noch möglich, ein feierlicher Schwur: die Errichtung einer Burg an dieser Stelle zum Gedenken an ihre große Liebe. Minna und Minne (mittelhochdeutsch für Liebe) — gleich ein zwiefacher Anlass zur Namensgebung!

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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Wirkungen
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) örtliche Informationstafel


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