Baukunst in Baden
  Mosbach '1'
 


Eine "Via Triumphalis" der Fachwerkkunst! Ja, eine Via Triumphalis der Fachwerkkunst, das ist der große Ruhm Mosbachs, der Ruhm des "Tores zum Odenwald". So groß ist jene Gunst, dass das in Baden keineswegs berühmte Städtchen, das durchaus ein wenig abgelegen, als "Tor zum Odenwald" von Spöttern auch als "Tor nach badisch Sibirien" begriffen; so groß ist jene Gunst, dass Mosbach unter die schönsten Städte Badens zu rechnen, auf gleicher Augenhöhe mit den großen Schönheiten Wertheim, Weinheim, Ladenburg, Gengenbach und Villingen.
     Wem aber eine Via Triumphalis des Fachwerkbaus nicht genügt, für den sei entschieden auf den dieselbe mittig schneidenden Marktplatz verwiesen. Das schönste badische Fachwerkhaus, das Palm’sche Haus tritt hier an des Weges Rand, überdies das ansehnlichste Rathaus aus steinerner Renaissance; beide denn auch unter die wichtigsten Erzeugnisse ganz Deutschlands zu rechnen. Und ansonsten die Anmut einer landgotischen Basilika, und Fachwerk, Fachwerk, Fachwerk. Auf dem Marktplatze Mosbachs — und auch das, welch’ Ruhm! — findet man sich auf einem der reizvollsten Plätze Badens wieder, kaum mit gleichwertiger Konkurrenz und übertroffen alleine vom südlichen Münsterplatz Freiburgs! Mag man das Städtchen also ernst genug nehmen; ernst wie das ausgehende Mittelalter und die ersten Strecken der Neuzeit Mosbach nahmen.
     1410 ward Mosbach eine echte Residenz! Die Residenz des Pfalzgrafen Otto I., Sohn des deutschen Königs Ruprecht I., Residenz des Landes Pfalz-Mosbach. Zahlreiche Ländereien nannten Mosbach nun Hauptstadt. Ländereien, welche zu finden an Rhein und Bergstraße, im Odenwald — und ab 1448 durch Erbschaft und Kauf bei Nürnberg, Regensburg, Neumarkt, an der böhmischen Grenze.
     Mosbach fand im Jahre 826 als Benediktinerabtei, welche gewissermaßen Keimzelle der Stadt, seine erste gesicherte Nennung. Wann die eigentliche Stadtgründung erfolgte, lässt sich nicht mehr ausmachen; gewiss aber, dass man 1241 im Reichssteuerverzeichnis geführt. Als reichsunmittelbare Stadt ward sie in der Folgezeit in den allgemeinen Wechselfällen des Mittelalters noch manches Mal hin und her geschoben, wie es den Königen und Kaisern eben am gelegensten schien.
     So kam sie 1362 auch an den Pfalzgrafen Ruprecht I., der sich ihr mit besonderer Zuneigung näherte, will heißen das notwendige Auslösegeld übermitteln ließ um die spätestens seit dem 13. Jahrhundert befestigte Ansiedlung seiner Kurpfalz fest beizugeben. Da hatte sich endlich ein gewillter und auch ernstlicher Bräutigam gefunden.
     Was nämlich ab 1410 selbstständig war eine Seitenlinie der Kurpfalz; autonom, aber nicht ohne Wurzel. Und so fiel denn das Land Mosbach 1499, nach dem Tode Otto II., der ohne männliche Nachfolge, wieder zurück in den Schoß der Hauptlinie, zurück nach der so einflussreichen Kurpfalz. Mächtig "gemausert" aber hatte sich die Residenz in dem knappen Jahrhundert. Und so bedeutete der Rückfall an die Kurpfalz alles nur keinen Fall in die Bedeutungslosigkeit. Die Capitale Heidelberg musste man passieren lassen, freilich. Ansonsten aber ward für lange Zeit nichts Höheres gefunden in der Kurpfalz, zumal rechtsrheinisch. Da gedieh in Mosbach alles weiter, beinahe als sei man weiterhin eine Hauptstadt.

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Solches Prosperieren konnte hier wie vielerorts alleine der 30jährige Krieg zunichte machen. Die Kurpfalz war durch den "Winterkönig" Friedrich V. von allem Anfang in die "unaufhörlichen" Auseinandersetzungen verwickelt. Die Stadt ward zwar nicht zerstört, am Ende aber fand man den einst wohlgenährten "Leib" ausgemergelt wie Totengerippe: Plünderungen, Mord, Hunger und Pest löschten aus und ließen die von Jahr zu Jahr schrumpfende Bürgerschaft buchstäblich verzweifeln.
     Die größte badische (kurpfälzische) Drangsal sollte aber erst noch folgen: die Politik "verbrannter Erde" Ludwigs XIV. Der französische "Sonnenkönig" fühlte für sein Reich Unsicherheit genug um gleichsam ein "Niemandsland" zwischen sich und die Deutschen zu legen. Ab 1672 der Holländische Krieg und ab 1689 der Pfälzische Erbfolgekrieg ließen das gewaltigste und modernste Heer Europas, des "Sonnenkönigs Heuschrecken" über den Rhein setzen und hier alles kurz und klein schlagen. Mannheim, die Festung der Kurpfalz: vernichtet! Heidelberg, die prächtige Renaissance-Capitale: ausgelöscht! Und dann schwirrten sie auch um die Stadtmauern Mosbachs, des "Sonnenkönigs Heuschrecken"; durch das Neckartal hatten sie ihren Weg gefunden. Wo Mannheim und Heidelberg fielen, da konnte auch die doppelte Stadtmauer Mosbachs kaum stand halten. Tat sie auch nicht.
     Für einen kurzen Moment aber zögerte der Invasor. Und dann vermittelten die Mosbacher Franziskaner offenkundig mit großem Geschick. Wo andernorts, namentlich in den Städten der Rheinebene, die Stadtbevölkerung ausgetrieben und die Gebäude systematisch in Brand gesteckt, nichts verblieb außer abgefackelten Trümmerwüsten, da gab sich der französische Goliath in Mosbach mit Beschädigung der Stadtbefestigung zufrieden. Baden-Baden und Durlach, die Residenzen der badischen Markgrafen, gleichfalls Fachwerk-Städte, loderten ein bis zwei Tage unter "himmelhohen" Flammen, lagen unter Rauchschwaden, so dick, dass die Sonne in Finsternis gehüllt. Wie leicht wäre auch Mosbach vom Angesicht der Erde zu tilgen gewesen! Die alte Residenz, die fachwerkprächtige Oberamtsstadt!
     Was seinerzeit glücklich, ja glücklichst gerettet, das sollte noch manchen Schicksalsschlag überstehen. Zuletzt konnte man, einmal mehr verschont, das Licht der Feuerhölle Heilbronns bis nach Mosbach schaurig leuchten sehen. Das war 1945, der Zweite Weltkrieg, der die Bombergeschwader mit ihrer vernichtenden Fracht beständig über Mosbach hinwegführte, das rund 25 Kilometer entfernte Heilbronn, die einst so stolze freie Reichsstadt aber auslöschte, dass es dem "Sonnenkönig" wohl warm ums Herz geworden wäre.

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1803 war Mosbach für drei Jahre an das Kuriosum des Fürstentums Leiningen gefallen, Napoleons Strategen hatte es so gefallen. Seit 1806 aber fand sich das Oberamt wieder im Bunde mit den anderen rechtsrheinischen Partien der Kurpfalz, alleine nicht mehr unter der letzteren, sondern unter badisch-großherzoglicher Flagge. Dem zunächst getreulich folgenden Markgrafen, alsbald Kurfürst, dann Großherzog ließen die französischen "Neuordner" Deutschlands nicht weniger getreulich Gebietszugewinne in den Schoß fallen, die die im Vergleich zur Kurpfalz durchaus unbedeutende Markgrafschaft schwindelig machen musste. Schwindelig aber nicht dumm. Und wie man zum rechten Zeitpunkt wieder gegen Napoleon, so wusste man auch noch genug mit dem Oberamt Mosbach anzufangen. Im 19. Jahrhundert machte Baden aus Mosbach eine weiterhin wichtige Verwaltungsstadt.
     Nichtsdestotrotz ward hier eine Entwicklung fortgesponnen, die schon im 18. Jahrhundert ihren Lauf genommen. Mosbach, erst recht durch die Verschonung 1689, blieb der Kurpfalz weiterhin eine der wichtigsten Städte. Heidelberg freilich fand weit mehr Bedeutung, auch nachdem 1720 die so gewichtige Hauptstadtwürde an Mannheim verloren. Beide blühten als wichtigste Städte der wichtigen Kurpfalz mächtig auf. Mosbach immerhin direkt dahinter, rechtsrheinisch zusammen mit Weinheim und Ladenburg.
     Mosbach sank im 18. Jahrhundert weit weniger an Bedeutung als an Aussehen! Und daran trug keineswegs der böse Stadtbrand von 1723, der 150 Häuser fraß, die Hauptverantwortung. Es war vielmehr das was blieb, ja es war der alte Ruhm, der Mosbach mehr und mehr ins Trudeln brachte.
     Wie anders Heidelberg und Mannheim. Beide vollends zerstört, nur noch mit wenigen mittelalterlichen Überresten (lassen wie das Heidelberger Schloss einmal außen vor). Beide erstanden kraftvoll im Stile echter Hauptstädte aufs neue. Und im Stile echter Hauptstädte bedeutete neben viel Schwung auch viel Modernität! Modernität aber bedeutete Barock! Was binnen weniger Jahrzehnte unter den Namen Heidelberg und Mannheim wiedergeboren, konnte man insbesondere im Falle Mannheims nur als ein Vorzeigebeispiel der neuen Zeit bezeichnen. Aber auch Heidelberg baute seine Häuser über mittelalterlichem Grundriss streng nach den Regeln barocker Baukunst. Und barock hieß: verputze Fassaden, fein geschweifte Portal- und Fensterrahmungen, je mehr zartes Ornament desto besser. Das das barocke Grundcredo, das das zeitgemäße, moderne Credo! Und Heidelberg und Mannheim erblühten unter den modernen Gestaltungsprinzipien.

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Und Mosbach? Ja, hier gab es ein "Problem"! Glücklich war man der Zerstörung entgangen und so gab es schlicht und ergreifend weit weniger Grund für Neubauten. Die alte Residenz und ihre auch nachmalige Blüte, eine einseitig fachwerkgewirkte Blüte, sie blieb Mosbach uneingeschränkt dominierend. Mosbach blieb Fachwerkstadt. "Welch’ gewaltig Gewinn!" rufen wir heute aus. Im 18. Jahrhundert aber fand man solches Stadtbild mehr und mehr "altväterlich", schlicht unmodern. Der Barock, nach Steilvorlage der italienischen Renaissance, "räumte auf", wollte mit dem Mittelalter nichts mehr zu tun haben, ja begann sich dessen sogar zu schämen! Wer heute durch die Mosbacher Hauptstraße, durch diese Via Triumphalis der Fachwerkkunst sehenden Auges flaniert, der kommt aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus — wer aber auf solchen Pfaden in der Mitte des 18. Jahrhunderts, der blickte durchaus schon mitleidig.
     Mosbach, die alte Residenz — sie ward nun wirklich als alt empfunden. Das Neue, das Schöne, das Beklatschte man in Heidelberg und Mannheim. Und Weinheim und Ladenburg, deutlich näher zu den Capitalen, empfanden darüber weit mehr Veränderungsdruck; keine geringe Anzahl genuin barocker Werke mischte sich dort in die Fachwerkwelt, wo in Mosbach fast überhaupt nichts zu finden.
     Und so begann man auch in Mosbach selbst, die alte Fachwerkkunst gering zu schätzen. Gewiss griff seinerzeit jene böse Krankheit schon das erste Mal um sich: das nachträgliche Verputzen von Fachwerk! So nämlich konnte man sich den modernen Stadtbildern zumindest annähern. Außerdem war’s funktional! Die einheitlichen Putzflächen nämlich verlangen weit weniger Aufwand als die mitunter vollends zergliederten Fachwerkansichten. Und nachdem die Holzkunst nicht mehr geachtet, warum noch sorgsam präsentieren?
     Was aber der Barock begonnen, das vollendete der Klassizismus, das frühe 19. Jahrhundert. Der Barock preferierte zwar die Putz- oder Steinfassade, den Fachwerkbau ließ er aber, zumal in kleineren Städten, schlicht aus Gewohnheit noch zum Zuge kommen. Der reiche Bürger, der Adel ohnehin investierte einseitig in die neue Baukunst; der einfachere Bürger aber noch ohne weiteres in die alte. Die schmuckreichste Zeit hatte das Fachwerk in der Renaissance, im 16., frühen 17. Jahrhundert bemerkt, als nämlich die Reichen ihm (fast) einhellig zuneigten. Der Barock dagegen, weil sozusagen nur noch der "Mittelstand" zum Holzwerk greifen wollte, brachte weit schmucklosere Exempel: funktionales, statisch benötigtes Fachwerk, das aber ob der weiterhin gegebenen Fein- und Vielgliedrigkeit immer noch sehr ansehnlich.
     Das 18. Jahrhundert war dem Fachwerk also eine Zeit des Übergangs. Ohne von den "Reichen und Schönen" noch geschätzt zu sein, fand er weiterhin Anwendung. Wer aber modern sein wollte, der baute Steinhäuser oder verputzte das Fachwerk.

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Der Klassizismus aber räumte ganz auf. Fachwerk kam nun vollends in Misskredit! Wer immer mit den notwendigen Geldmitteln ausgestattet, gleich ob reich oder nicht, der baute nun aus Stein. Alles Fachwerk, das in geringer Zahl doch noch entstand, ward entweder sogleich verputzt, oder ein hoffnungsloser Nachzügler. Letztere mochte man noch auf dem Land, in dörflicher Welt finden, in städtischen Gefilden hingegen alleine als veritable Spätgeburten.
     Wer nun in Mosbach neu baute, der baute aus Stein oder verputzte sein Fachwerk von allem Anfang an. Die ein wenig abseitige Lage der Stadt, das Provinzielle, das man hier nun mehr und mehr zu verspüren begann, es brachte denn letzte Häuser noch mit sichtbarem Fachwerk. Ein Umstand, der in größeren Städten schlicht undenkbar. Und selbst für Mosbach eine Ausnahmeerscheidung. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass nun immer mehr Fachwerk der zurückliegenden Jahrhunderte hinter Verputz verschwand.
     Es war gleichsam, als sei die Bedeutung Mosbachs irgendwie mit seinem Fachwerk verkettet. Als Mosbach Residenz und in bester Blüte noch im 16. Jahrhundert, da reihte sich hier ein Fachwerkmonument an das nächste. Als aber nach Tod und Teufel im 17., im folgenden 18. Jahrhundert wieder gelebt werden durfte, dabei Mosbach zunächst unmerklich, langsam aber sicher an Wichtigkeit und Einfluss verlor, da verschwanden auch schon die ersten Holzfassaden hinter Putz, als müsste mit jedem Quäntchen weniger Bedeutung auch weniger Fachwerk zu sehen sein.
     Und nachdem Mosbach plötzlich nicht mehr kurpfälzisch sondern badisch, damit mit einem Male zu einer Stadt unter sehr vielen, da sollte noch mehr des alten Glanzes übertüncht werden. Fast als wollte man nicht mehr an die große Vergangenheit erinnert werden!
     Man blieb Verwaltungsstadt von Belang. Aber das "Tor zum Odenwald", einst ein wichtige Handelsverbindung nach dem an Bedeutung auch niedergehenden Würzburg, es schien sich mehr und mehr zu schließen. Das Tor öffnete sich sozusagen nur noch nach echter Provinz, nach der Spötter "Badisch Sibirien". Nahe zum Neckar aber und weil freilich auch die Provinz versorgt sein will, verblieb der Stadt einige Bedeutung. Wie ihr auch Schönheit übrig geblieben! Vieles ward zwar bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert verputzt — und erste Fotografien zeichnen gar schauerliche Bilder — dann aber kam eine erste Wende. Der Historismus des späten 19. Jahrhunderts fand zurück nach den baukünstlerischen Wurzeln, oft genug zwar unter fragwürdigen Ergebnissen, immer aber unter richtiger Grundintention, nämlich der Wertschätzung für die Vergangenheit.

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Und so brachte der Stil des Historismus lustigerweise sogar neues Fachwerk zum Erblühen. Manch Neubau nahm die alte Kunst gerne wieder auf, gelangte gar zu ansehnlichen, zumindest aber sich einfügenden Beispielen. Außerdem ward das alte Stadtschloss, dass seinerseits in nicht traurigerem Niedergange, auf romantische Weise neu belebt; wie denn auch hier einige "Fachwerkzitate" nicht fehlen durften. Noch wichtiger aber, dass das nachträgliche Überputzen nun zum Erliegen kam, ja dass erste Tünche gar schon wieder entfernt! Mosbach fand wieder zurück zu seinem Ruhm, ja zu sich selbst! Alleine, das waren denn nur die ersten Schritte.
     Indessen kündigte sich neue Bedrohung an! Die Luftschlacht des Zweiten Weltkriegs, die viele badische Städte traf, manche gar ganz auslöschte, wie zum Beispiel Bruchsal, einen Ort gleicher Größe und Bedeutung, er schonte Mosbach noch. Dann aber der Neuaufbruch, der Aufschwung, das Wirtschaftswunder! Da musste denn auch der Deutschen liebstes Kind endlich zahlreich geboren werden: das Automobil! Wieder drohte eine neue Zeit Mosbach hoffnungslos "altbacken" aussehen zu lassen. Denn wie seinerzeit im barocken 18. Jahrhundert konnte Mosbach nicht "mitziehen".
     Welch’ Kuriosität ward da ab den 1950ern in Mosbach zu sehen: wie sich die neue Zeit, namentlich von Tag zu Tag mehr Autos durch die hoffnungslos zu enge Fachwerkstadt quälten! Selbst für die breiteste Straße, unsere "Via Triumphalis", die Hauptstraße mag man sich heute kaum mehr ausmalen wie ein friedliche Koexistenz Mensch - Maschine möglich. Der Weg lädt ob einiger Breite leicht zum Flanieren ein; wie aber Fußgänger und Automobil nebeneinander zu organisieren, ist alleine dem nicht schleierhaft, der leibhaftiger Zeuge. Sogar eine Tankstelle, Zapfsäulen, wurden hier gefunden!
     Manch einer hätte die Stadt damals am liebsten abgerissen. Ja, war es überhaupt noch Glück, dass der Zweite Weltkrieg verschont hatte? Und diesmal war innerhalb der abgetragenen Stadtmauern der neuen Zeit überhaupt nicht beizukommen, wie man im 18. Jahrhundert als "Modernisierungsmaßnahme" zumindest das Fachwerk überputzen konnte. Die Rettung lag alleine jenseits der Fachwerkwelt und noch rechtzeitig ward sie erfunden: die Umgehungsstraße!
     Da atmete das Fachwerk auf, noch viel mehr die Bewohner, die nun von den Abgasen befreit. Jetzt aber wurde bemerkt, dass man längst mitten in einer Operation, ja in einer Notoperation! Die Umgehungsstraße war dem Herzen der rettende Bypass — alles Andere aber lag ebenso im Sterben. Schuld zeichnete wiederum die neue Zeit.

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Der Modernismus regelte nach der Klassizismus-Vergewaltigung der abscheulichen Nazi-Jahre für die neue Bundesrepublik die baulichen Angelegenheiten, in unangefochtener Hegemonie, ja ganz alleine auf weiter Flur. Diese Bewegung aber (wie sich der modernistische Stil anfangs gerne sah) trat ganz offen gegen die Baukunst ein, sie verfemend, lächerlich machend. Pseudo-Rationalität erklärte die seit Jahrtausenden gültigen Regeln für Architektur und Städtebau für null und nichtig. Der Sieg der Funktionalität! Architekt Le Corbusier, für Jahrzehnte der führende Geist des Modernismus, sprach von "jahrhundertelanger fluchbeladener Knechtschaft" [1] wenn er an Baukunst dachte. Eine erstaunliche Formel ward aufgetan, wie sie wohl nur in den gewaltigsten Umwälzungen, die die Menschheit je gesehen, im 20. Jahrhundert möglich: "Funktionalität statt Baukunst" wurde (und wird) seither verkauft. Verfänglich genug! Verführerisch! Ja, freilich muss erst alles funktionieren, und danach darf die Schönheit ein Rolle spielen! Unsere großen Baumeister des 19. und der vorangehenden Jahrhunderte wälzen sich seither unaufhörlich in ihren Gräbern: wie entschieden würden sie widersprechen und die Verhältnisse wieder zurechtrücken! Denn die glitzernde Formel Funktionalität statt Baukunst, sie heißt in Wirklichkeit: nackte und einseitige Funktionalität statt Funktionalität plus Baukunst. Ein Hexensabbat! Aber der Zauber wirkt! Seither können die Baumassen ohne mindeste Vermittlung durch Baukunst in die Höhe getürmt werden. Sie stoßen ab, zumindest den allgemeinen Betrachter (nur die indoktrinierten Planer nicht). Mit dem Verweis aber auf die Funktionalität wird dann fast alles mundtot gemacht; dabei immer unterstellend (offen oder latent), dass die Bauwerke, die uns gefallen, die Fassaden, die uns anziehen statt abstoßen, kurzum dass die historische Baukunst unfunktional gewesen sei.
     Diese Unterstellung zählt selbst im 20. Jahrhundert zu den dreistesten, folgen- und erfolgreichsten Lügen! Funktionalität war durch alle Epochen hindurch eine Grundforderung der Bauherren und selbstverständlicher Anspruch der Baumeister. Nur dass jene Funktionalität immer um den Partner der zum Betrachter vermittelnden Baukunst wusste. Reißt man diesen kongenialen Partner aus dem Entwurf, bleibt in der Tat nichts als nackte Funktionalität. Die Funktionalität steht dann also offen am Tage. Und weil man sie hier ganz unverblümt (und zumeist hässlich) sehen kann, wird vom Modernismus überaus geschickt impliziert, dass Funktionalität nur dann eingelöst, wenn sie dergestalt deutlich gesehen! Geschickt! Sehr geschickt! Eine Erfolgsgeschichte sondergleichen!
     Die Baukunst vermittelte die Funktionalität einst zum Auge, machte sie annehmbar, ja machte sie darüber tatsächlich zumindest teilweise unsichtbar. Und dieser Umstand wurde ihr durch den Modernismus nun zum Verhängnis!

[1] Le Corbusier "Ausblick auf eine Architektur", Verlag Ullstein in Wien, Ausgabe 1963, S. 86

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Aber freilich braucht der Inhalt — die Funktionalität — auch im Modernismus eine Verpackung: die Fassaden. Der Modernismus hätte vielleicht recht, wenn er auf Fassaden verzichten könnte. Kann er aber nicht! Und so werden denn doch wieder wie in den Jahrtausenden zuvor Außenwände errichtet. Alles geht von statten wie zuvor, nur dass die Regeln der Baukunst den Fassaden ausgetrieben. Das ist alles was geschieht, naiv, ja banal genug. Das ist der Modernismus. Wie wichtig aber Baukunst, das beweisen dem unvoreingenommenen (dem allgemeinen) Betrachter die drückend langweiligen Fassadenflächen des 20. Jahrhunderts. Und das beweisen im Umkehrschluss die historischen Fassaden, also auch die Fassaden der Fachwerkgebäude Mosbachs.
     Modernistischer Verfemung und Verdrehung der Tatsachen unterlag die Fachwerkwelt Mosbachs nichtsdestotrotz. Wieder hätten viele die Innenstadt am liebsten abgerissen, zumal die stattlichen Zeugen des späten Mittelalters teilweise schon böse vernachlässigt, am Verfallen.
     Aber der Modernismus stellte sich dann selbst das Bein. Wie? Einfach indem er baute! Ja, er baute gewaltig in Mosbach. Die einst Kilometer entfernten Mosbach und Neckarelz (wie der Name schon eingibt: am Neckar — siehe Wanderungen Band ‘1’) wuchsen zu einer Bandstadt zusammen. Rings umher wucherte Mosbach wie wild über die historischen Grenzen, nach allen Richtungen; am leichtesten, weil in ebener Richtung des Elztales und nicht auf die alsbald steilen Talwände nach Norden und Süden, nach dem 1975 eingemeindeten Neckarelz. Und da konnte man ihn ganz leicht betrachten und abwägen, den Modernismus mit seinen Fähigkeiten. Und da bemerkten vor allem die eingewurzelten Bürger, dass jener Sieg der Funktionalität zugleich ein Sieg der Monotonie, der Sterilität, ungebrochener Langeweile und Phantasielosigkeit.
     Der Modernismus hatte das große Versprechen einer besseren Zukunft gegeben. Aber musste die wirklich so hässlich sein? Immer öfter gingen die Blicke nach dem eigentlich Überlebten, dem eigentlich mitleidig zu Betrachtenden, ja dem zu Verachtenden; die Blicke gingen auf die nichtsdestotrotz anziehenden Fassaden der Fachwerkhäuser. Und man begann sich zu wundern. War das Versprechen etwa nur einmal mehr Gerede? Ja, dies vollmundige Versprechen ist freilich Gerede! Wie sonst kann erklärt werden, dass das Neue abstoßend unansehnlich, das Alte aber schön — und dass beide funktional. Manch’ andere Bürgerschaft ließ sich dennoch überrumpeln. Nicht aber die Mosbacher. Das städtische Bürgertum, dessen lange zurückliegende Ahne ja immerhin ein hauptstädtischer gewesen, es war noch stark genug um den falschen, den überspannten Zügen des Zeitgeistes zu trotzen. Kein X für ein U! Das "Tor zum Odenwald" schloss nun seine Altstadttore für den Modernismus. Von 1975 bis 1998 ward saniert. Und wo andernorts Sanierung gerne Abriss und pseudo-angepasster Neubau bedeutete, da legte man in Mosbach das teilweise schon Jahrhunderte überdeckte Fachwerk wieder frei. Nichts weniger als eine neue Blüte brach sich hier bahn. Und wenn auch nicht alles getan werden konnte, ja tatsächlich noch vieles freizulegen wäre, so ist er dennoch aufs neue erstanden: der spätmittelalterliche Glanz Mosbachs, der Fachwerkruhm Mosbachs!

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Aufmerksamen Auges durch Mosbach zu laufen, heißt einzutauchen in die Kunstmöglichkeiten, die sich sogleich als bedeutende Fähigkeiten offenbarenden Kunstmöglichkeiten des späten Mittelalters. Mosbachs größte Zeit war die residenziale von 1410-99. Wie prosperierend aber noch das nächste Jahrhundert, bis endlich der 30jährige Krieg dazwischenfauchte, das vor allem lässt sich bei Gewahrung der Erbauungsjahre sehr leicht ausmachen. Denn wenig genug stammt wirklich aus Hauptstadttagen, wurde von der weiterflorierenden Blüte einfach ersetzt. Was in Mosbach zu bewundern spannt einen weiten Bogen vom 14. Jahrhundert (Stadtkirche) bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts; und wird ergänzt von Fachwerkbauten noch des 18. Jahrhunderts. Eine Fachwerkwelt, wie sie in Baden unübertroffen; eine Fachwerkwelt, die von drei bedeutenden Steinbauten akzentuierend gewürzt. Tauchen wir ein.
     Eine "Via Triumphalis" des Fachwerkbaus ward mehrfach schon als der besondere Ruhm Mosbachs verkündet. Mag man ihren Wert einfach daran messen, dass sie den Marktplatz, seines Zeichens unter den schönsten Stadträumen Badens, sogar noch übertrifft. Dergleichen findet man im Badischen kein zweites Mal! Und auch deutschlandweit muss man die Mosbacher Hauptstraße unter die schönsten Fachwerkerzeugnisse rechnen. Umso weniger überrascht denn die Aufnahme Mosbachs in die auszeichnende "Fachwerkstraße", die von Nord nach Süd durch Deutschlands Fachwerkstädte geleitet.
     An der "Via Triumphalis" findet man obendrein die zwei bedeutendsten Fachwerkhäuser der Stadt: das Salzhaus, mit dem ältesten sichtbaren Fachwerk der Innenstadt — und das Palm’sche Haus, schönstes Fachwerkhaus Badens. Der große Marktplatz schneidet die Hauptstraße und halbiert sie in einen Nord- und einen Südabschnitt. Jenes Zusammentreffen von Marktplatz und Hauptstraße im übrigen, und weil die mittelalterliche Schönheit immer weiter getrieben wird, ward nichts geringerem als dem großen Rathaus zum Anlass. Jenes aber, ohne schon weiter darauf einzugehen, zeigt ein dergestalt bemerkenswertes Renaissance-Werk, dass es unter den Rathäusern dieses Stils wiederum das anmutigste in ganz Baden. Die beiden beachtlichsten Bauwerke Mosbachs — Palm’sches Haus und Rathaus, beide im Stil der feinen Renaissance, ersteres aus Fachwerk, zweiteres ganz aus Stein — stehen nahe beieinander, sich schräg gegenüber. Man wird sich leicht ausrechnen, dass ein solches Ensemble nurmehr das nächste Superlativ.
     Schon die südliche Partie der Hauptstraße weiß um mehrere eindrucksvolle Fachwerkhäuser, worunter das Salzhaus das wichtigste. Noch beeindruckender aber der nördliche Abschnitt, welcher, nachdem man durch den südlichen Abschnitt, dann über den Marktplatz, auch noch vom Palm’schen Haus — das halb am Marktplatz, halb an der Hauptstraße — gleichsam eingeläutet wird. Neben der Attraktivität des Fachwerks treten hier mehrere Gebäude von großem Volumen, von durchaus monumentaler Wirkung an die Straße. Die Fachwerkhäuser (nicht nur) der Hauptstraße entstanden vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Gleich einem Katalog der Fachwerkkunst findet man hier alles Süddeutsche vertreten: vom Firstständerhaus über alemannischem bis zum fränkischen Stil, die beiden letzteren gerne auch in verschiedenste Ansichten vermischend.

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Es ist an dieser Stelle schlechterdings unmöglich jedes dieser wertvollen Beispiele in angemessener Weise vorzustellen. Mit Ausnahme von Salzhaus und Palm’schen Haus kann nur grob nachgezeichnet werden. Ja selbst diesen beiden können nur wenige Sätze gelten.
     Während der Nordabschnitt, nähert man sich von außen, durch einen kleinen Platz gar trefflich eingeleitet wird, so nimmt sich der Anfang der Südpartie als einer der wenigen Einträge der "Via Triumphalis" bescheiden genug aus. Zwei große klobige Kaufhäuser im Stil der neuen Zeit haben sich hier in die noch historische Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts gedrängt, dabei durchaus exakt an die Grenze des mittelalterlichen Stadtkörpers (und innerhalb des zweiten Mauerrings). Das südliche der beiden, der  "Kipphan", wo unsereins ich weiß nicht für wie viele Besorgungen eingekehrt, hat auf seiner Rückseite auf durchaus schauerliche Weise einen großen Bau des 19. Jahrhunderts regelrecht "gefangen". Eines der kuriosestes und unangenehmsten Stadtbilder: wie der ansehnliche Bau einerseits stark abgewirtschaftet und andererseits wie hilflos in das große Flachdach des Kaufhauses gesteckt!
     Schon als Kind haben dergleichen Impressionen für Irritation genug gesorgt, wie in diesem Zusammenhang auch unbedingt eines weiteren Kaufhauses der "schönen" neuen Zeit mit vorgehängter, sogenannter Eiermann-Fassade gedacht werden muss. Aber so weit sind wir noch nicht. Sehe man dem Autoren solches Abschweifen nach, und kehren wir indes zurück an die südliche Hauptstraße.
     Hier hat man vor allem eine Dreiergruppe auszuloten, deren Protagonisten allesamt dreistöckig und mit spitzem Giebel zur Straße. Zahlreiche Zierverstrebungen fanden ihren Weg in die hölzernen Raster, welche zwischen alemannisch und fränkisch schwanken. Dann aber, und damit sind wir schon knapp vor dem Marktplatz, das Salzhaus.
     Dessen Geltung liegt in zwiefachem. Es ist ein Firstständerhaus, zum einen, was heutigentags zumal in Baden echte Seltenheit bedeutet. Dann aber zeigt es auch das älteste sichtbare Fachwerk in Mosbach überhaupt. Und die Entstehungszeit macht auch aus anderem Grunde aufmerksam: spätestens 1450. Das aber erklärt, dass es noch aus residenzialen Tagen, dass auch die beiden Pfalzgrafen Otto I. und Otto II. an demselben oft genug vorbeimarschiert sind. Wie oben schon eingeführt, stammt ansonsten fast alles Fachwerk aus der Zeit als Mosbach wieder kurpfälzisch (oder badisch).
     Über dessen modernistischen Umbau der Erdgeschossfassade (zur Hauptstraße), die einer Zerstörung gleichkommt, kann man nur entsetzt sein. Ausgerechnet an diesem wertvollen Gebäu! Außerdem ein Bild der Vernachlässigung für diese Partie. Kaum bringt man den Blick zum Fachwerk.

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