Baukunst in Baden
  Oberrotweil Kirche (76)
 
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Sankt Johannes in Oberrotweil (Vogtsburg, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald)   /   Hans Voss   /   1835

Als Architekt der Kirche zu Oberrotweil entwarf Hans Voss, und so nimmt es kaum wunder von einer selbst für den Stil Weinbrenners detailkargen Formgebung zu berichten. Wie kein anderer unter Weinbrenners Schülern wagte Hans Voss die Reduktion und dieses nie zum Schaden der betroffenen Gotteshäuser. Im Falle des Oberrotweiler erbaut sich aus der konsequenten Sparsamkeit eine beachtliche, scharfkantige, kristalline Monumentalität, die der langen Hauptstraße des Dorfes ein gerüttet Maß Kraft einhaucht.
     Voss verwendete (grundsätzlich) den primären Grundtypus, aber in Hinsicht des Kirchenschiffdaches die von der Kürzeller Kirche (Sammlung '1', Nummer 14) bekannte und letztlich auf Weinbrenners Kirche für Langensteinbach (Sammlung '1', Nummer 19) fußende Ausnahme des Verzichtes auf den Dreiecksgiebel zugunsten eines (geknickten) Walmdaches, welches beim Zusammentreffen mit dem emporstrebenden Turme eine überaus markante schräge Schnittlinie zeichnet, die der geraden beim Schnitt des Giebeldaches sogar überlegen.
     Das Kirchenschiff erleidet durch den Verzicht auf den Dreiecksgiebel freilich vollendete Bescheidenheit, welche aber der körperhaften Wirkung nur zuträglich. Und die scharfen Korpuskanten und die sich tief einsenkenden Rundnischen der Eingangsseite erbringen einen reizvollen der Wirkung von Massivität verpflichteten Eindruck.
     Dem steil aufragenden Turm mit dem hohen Glockengeschoss erging es kaum besser. Wenngleich er über gewisse Details verfügen darf, so dient auch er zuvörderst körperhafter, scharfkantiger Wirkung. Der Eingangsbereich bietet nicht viel mehr als ein langgezogenes Kämpfergesims, welches aber ein interessantes Ergebnis erzielt. Es verwandelt die beiden Mauerabschnitte rechts und links des Eingangs in zwei mächtige Rechteck-Pfeiler, die dem optischen Anscheine nach den gesamten Kirchturm zu wuchten vermögen, welcher seinerseits dank des Rundbogens der Eingangsnische förmlich aus den Pfeilern herauswächst. Weiterhin veredeln der mehrfach profilierte Rahmen der Eingangsöffnung sowie das Halbkreisfenster, das als reizvolle Wiederholung der Form des Nischenbogens nicht minder reizvoll dem Kämpfergesims aufsitzt.

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Der Rest des unteren Turmabschnittes begnügt sich vor allem mit leerer Fläche, das Gefühl der Massivität steigernd. Ein Gesimsband, ausgehend vom Dachgesims des Kirchenschiffes, welchen den Turm angenehm "einfängt" und ein doppeltes Rundbogenfenster bilden die einzige Belebung.
     Auf eine Galerie und die damit einhergehenden Details verzichtet Voss wiederum und damit auf die klare Scheidung Turmkorpus — Glockengeschoss, welche durch das "zarte" Gesimsband kaum mehr als Andeutung findet. Die formale Konsequenz ist jedoch keine schlechte, das spannungsvolle Moment der Zweiteilung wird ersetzt durch einen gesteigerten vertikalen Zug. Das hohe Glockengeschoss zeigt die übliche Grundidee des Übergangs in eine konstruktive Wirkung, sich manifestierend in den vier Eckpilastern, welche eine entsprechende Anzahl Bögen und endlich das Turmdach tragen. Letzteres stellt eine achtseitige mit tiefem Knick versehene Zeltform, die, inspiriert vom turmreichen Mittelalter, in den 1830er Jahren immer öfter das einfache geknickte Zeltdach ersetzte. Die Öffnungen für den Glockenklang liegen in Nischen und bestehen pro Seite aus je zwei Rundbogenformen, erzielt durch rechteckige Pfeiler und Wandvorlagen, deren dorisierende Kapitelle die Rundbögen halten — eine einfache und dennoch ungewöhnliche und gelungene Ausbildung. Die konstruktive Wirkung des Glockengeschosses kontrastiert zwar durchaus mit dem körperhaften Abschnitt darunter, durch das Fehlen einer umlaufenden und separierenden Galerie überwiegt dennoch das zusammenbindende Moment. Insgesamt hinterlässt Sankt Johannes neben dem kraftvollen  auch einen angenehm homogenen Eindruck, welcher gerade durch das Fehlen der Turmgalerie starke Förderung erfährt.
     Der dreischiffige sehr farbenreiche Innenraum weiß zu gefallen. Er stellt einen interessanten Übergang im Entwurfsverständnis von Voss dar. Noch gewahrt man genuin klassizistische Elemente wie die dorischen Säulen, die die Orgelempore tragen. Aber auch der in dieser Zeit sich durchsetzende romantische Stil setzt deutliche Akzente; insonders durch die beiden Pfeilerreihen mit ihren Bögen, das Hauptschiff von den gleich hohen Nebenschiffen trennend. Auch der durch einen Triumphbogen abgetrennte runde Chor weist auf den Romantizismus, der in Baden vor allem durch Heinrich Hübsch, den Nachfolger des 1826 verstorbenen Friech Weinbrenner, propagiert wurde.

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Der Artikel ist eine erweiterte Version des Beitrages unter "Arkadischer Kaiserstuhl" (Sammlung '1')
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Jahreszahl (1835 auf Steintafel in Fassade), Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Hubert Krewitz "Der Weinbrenner-Schüler Johann (Hans) Voß“, Artikel aus "Geroldsecker Land" 1974, Heft 16, S. 89-103; Hans Voss arbeitete eine Planung von Heinrich Hübsch aus dem Jahr 1829 um; hier Entstehungszeit 1835-38


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