Baukunst in Baden
  Teningen Kirche (63)
 
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Evangelische Pfarrkirche in Teningen (Landkreis Emmendingen)   /   Christoph Arnold   /   1826-28
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     Über dem Gräberfeld Teningens verkündet eine Weinbrenner-Kirche kraftvoll christliche Hoffnung. Tatsächlich eignet sich der klassizistische Stil Weinbrenners ob seines der emporstrebenden Kraft zuspielenden Charakters ganz ausgezeichnet für diese Funktion — die entschiedenen Gesten lassen keine Zweifel aufkommen, scheinen — ganz im Gegensatze zu den nur die Oberfläche bedienenden Kirchen des barocken Stils — aus der Tiefe zu kommen. Hier wird nichts kaschiert — statt dessen klar ablesbare Aussagen. Auch das vor allem durch Weinbrenner-Nachfolger Heinrich Hübsch zur Abgrenzung gegen seinen Lehrer aufgebrachte und zunehmend verallgemeinerte Klischee der heidnischen (griechisch-antiken) Formensprache kann beim Anblick dieser Kirche nur milde belächelt werden — außer dem Dreiecksgiebel mit seiner aber gänzlich "ungriechischen" steilen Dachneigung lässt sich kaum eine Parallele zu hellenistischen Tempeln ausmachen.
     Teningens evangelisches Gotteshaus entspricht Weinbrenners sekundärem Grundtypus: Turm und Schiff durchdringen einander, wobei der Vollzug der spannungsführenden Geste auf der Rückseite der Kirche geschieht, dem Haupteingang also die gegenüber liegende Giebelseite zum formalen Schauspiel zugesteht.
     Eine überaus große Rundbogen-Nische schneidet letztere förmlich auf, schiebt sich in den Dreiecksgiebel, welchen sie zwar nicht sprengt, aber den Geison zu spürbarer negativer Verkröpfung zwingt. Der untere Abschnitt der Nische verfügt neben dem Portal noch über geschlossene Wandfläche, die sich nach oben zugunsten kraftstrotzender "Pfeilerstummel" (z.T. als Wandvorlage) mit dorisierenden Kapitellen auflöst. Diese tragen im Sinne einer unabhängig von der Nische organisierten Statik ein Gebälk und alsbald die nächsten Quadratpfeiler selbiger Ausführung, wenngleich diese je zwei Pfeiler und Wandvorlagen ob größerer Länge von eleganterer Ausstrahlung profitieren. Dafür wuchten sie gleich mehrere Balkenlagen (auch den vorgenannten Geison) und endlich das in den Rundbogen passende Thermenfenster. Rechts und links der beeindruckenden Nischenkonfiguration findet man neben kleiner Rechteck-Fenster nur wuchtige Masse.
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Ungewöhnlich die Gestaltung der Seitenfassaden. Lange Rundbogen-Nischen führen jeweils eine Rechteck- und eine Rundbogen-Öffnung übereinander, wobei die Nischenleibungen (sogar den Sockelstreifen durchgrabend) vom Boden bis knapp unter das Dachgesims fahren. Den die Nischen scheidenden Wandabschnitten entsteht auf diese Weise eine elegante längliche Proportion mit pfeilerartigem Charakter — in dieser Kirchenschiff-Partie weicht der gewohnte körperhafte zugunsten eines konstruktiven Habitus'.
     Auch mit dem Kirchturm hat es merkwürdiges auf sich: in seinem unteren Abschnitt verleibt er sich einen (ansonsten unsichtbaren) gotischen Gebäudeteil eines mittelalterlichen Vorgängerbaus (Chorturmkirche) ein. In Teningen also erneut eine der nun schon mehrfach gesichteten Verbindungen Gotik — Klassizismus, welche sich aber ob indifferenter weißer Übertünchung (die große visuelle Schwachstelle dieses Kirchenbaus — sie stammt von der letzten Renovierung) kaum qualitätvoll ausmachen lässt.
     Jedenfalls wächst die folgende Turmpartie aus diesem gotischen "Untergrund" hervor, schließt mit ausladendem Rundkonsolen-Gesims als Basis für die wiederum ungewöhnliche, weil nicht zurückgestaffelte Turmspitze. Die vier Eckpilaster stehen also in direkter Flucht der darunter liegenden Gebäudekanten, wodurch sich der vertikale Zug nochmals verstärkt.
     Ansonsten Standard: die Pilaster tragen einen Gebälkstreifen und endlich das (geknickte) Zeltdach; die Pilasterabstände verfügen über je zwei kleinere pilasterartige Rechteck-Säulen und die Glockenschlag-Öffnungen.
     Der elegante Turm und das Schiff als Hybrid aus wuchtigem Körper und konstruktiver Ordnung sorgen für eine beachtenswerte Gesamtgestalt.
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Der Artikel ist eine erweiterte Version des Beitrages unter "Arkadischer Kaiserstuhl" (Sammlung 1)

Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort; Christoph Arnold als Baumeister vermutet (seit 1819 Bauinspektor in Freiburg und hier gewöhnlicherweise zuständig); starke Ähnlichkeit der Haupteingangspartie zur Wasenweiler Kirche (von Arnold, gemäß Lacroix/Niester)
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Stuttgart, Ausgabe 1959; Entstehungszeit 1829, keine Nennung des Baumeisters
3) Website www.teningen.de; Entstehungszeit 1828, keine Nennung des Baumeisters
4) Informationstafel an der Kirche; Entstehungszeit 1826-28, keine Nennung des Baumeisters
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